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Mein Arktis-Abenteuer (2/4): Die Trommeltänzer

Für mich sind Reisen in die Arktis immer wie Expeditionen auf einen anderen Planeten. Denn anziehend und fremdartig zugleich ist Kanadas hoher Norden, von betörend natürlicher Schönheit, aber auch von bedrohlicher, latenter Gewaltbereitschaft. Wer sich nicht auskennt in dieser steinigen und meist baumlosen Wildnis, wer vor dem Erkundungstrip den Rat der Einheimischen nicht beherzigt, kann schnell in Teufels Küche geraten.

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Ich durfte in´s Cockpit! Wo gibt´s das sonst noch, als bei Flügen im kanadischen Norden?

Nunavut ist Inuktitut für “Unser Land”. Am 1. April 1999 wurde es von den Northwest Territories getrennt und ist seitdem autonomes, von den Inuit verwaltetes Gebiet mit eigener Territorialregierung. Es ist siebenmal so groß wie Deutschland, grenzt im Süden an Manitoba und blickt im äußersten Norden über die Davis Strait auf die Nordspitze Grönlands. Die Bevölkerungsdichte beträgt 0, 01 Einwohner pro Quadratkilometer. Damit ist es so gut wie leer. Eine weitere Null hinter dem Komma käme wohl hinzu, wenn man bedenkt, dass von den rund 33 000 Einwohnern allein 10 000 in der Hauptstadt Iqaluit und der zweitgrößten Siedlung Rankin Inlet leben. Der Rest verteilt sich auf 26 weitere, in der Endlosigkeit verlorene Siedlungen, von denen die kleinste, Bathurst Inlet, weniger als 30 Menschen zählt.

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Herumkalbern mit Kollegen. Den Inuit-Herrn rechts scheints zu amüsieren ..

Nunavut: Die große Leere, immer nur ein paar Meter entfernt

Kaum mehr als ein Menschenleben sind diese Siedlungen alt. Die Generation der heute 55-jährigen Inuit wurde noch in Camps oder auf Booten geboren, man lebte nomadisch als Jäger und Sammler und kannte die Welt der Weißen nur von Walfangschiffen, Handelposten, Militärstützpunkten her. Der mit der Ansiedlung in festen Dörfern einhergehende Kulturbruch verlief entsprechend traumatisch und behindert das, was man weiter südlich “Entwicklung” nennt, vielerorts bis heute. Repulse Bay liegt im Norden der Hudson Bay, am Nordende von Roes Welcome Sound. Container, auf den nackten Fels gestellt wie Konservenbüchsen zum Zielschießen, öffentliche Gebäude die großen, Wohnhäuser die kleinen, dazu Baumaschinen, Trucks und “Quads” genannte ATV´s: Die 1000-Seelen-Siedlung ist schnell beschrieben. Nach einem ruhigen Flug klettern wir bei strahlendem Sonnenschein aus unserer Calm Air ATR 42-300 auf das Rollfeld. Die ersten “Amtshandlungen” verstehen sich, da bin ich ganz ehrlich, von selbst: Unter dem dreisprachig abgefassten “Welcome to Repulse Bay”-Schild im verbeulten Abfertigungscontainer fotografieren wir uns gegenseitig, vor dem den Polarkreis markierenden Steintor in der Nähe ebenso und in Entdecker-Pose, na klar, und hier wie dort von schmunzelnden Inuit beobachtet, für die wir kinoreife Vorstellungen abzuliefern scheinen.

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Repulse Bay im August 2014. Gleich hinter dem letzten Haus heisst es Augen auf, Eisbären möglich!

Unsere Reiseleiterin heißt Coral. Coral ist in Churchill zugestiegen und hängt während der Zeit in Repulse Bay fast pausenlos am Handy. Warum das nötig ist, verstehe ich erst im Laufe der Zeit. “Arctic Time”, lächelt sie irgendwann tapfer, bevor sie wieder teils energisch, teils bittend in den Äther spricht. Oder wie es die Bauarbeiter, die ich später treffe, formulieren: “Wenn Eure Inuit-Guides fischen gehen oder Narwale sichten, lassen sie alle Verabredungen sausen!” Warum wir eine Stunde lang auf John warten müssen, erschließt sich mir dagegen nicht. Als der stoppelbärtige General Manager des Naujat Hotel (Verweis), ein Kanadier mit dänischen Wurzeln und Inuit-Freundin, vorfährt, um uns abzuholen, bin ich so reif für die Dusche, dass ich vergesse, mich zu ärgern. Erste Arktis-Lektion: Don´t worry, be happy. Everything will fall into place, wie man hier oben gern sagt. Am Ende klappt immer alles irgendwie ..

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Fischen und Jagen sind nach wie vor die Hauptbeschäftigungen der Inuit-Männer von Repulse.

Repulse Bay: Community Feast mit weißen Besuchern

Abends werden wir “eingenordet”. Im wahrsten Sinne des Wortes. Statt Spaghetti mit Fleischsoße im Hotel esse ich rohe Walhaut mit Schwarte. Und das kam so. Man hatte uns eingeladen, am “Community Feast” im Gemeindezentrum teilzunehmen. Dort wollte die Gemeinde Essen mit uns teilen. Wir laufen pünktlich auf, aber außer ein paar Männern, die die Lautsprecher anschließen, ist noch keiner da. Die kahle Halle füllt sich nur langsam. Dampfende Kessel werden auf Tischen in der Saalmitte abgestellt. Kinder spielen zwischen den Beinen der Erwachsenen. Frauen breiten Karton auf dem Boden aus und legen dort tiefgefrorenen Fisch ab. Die Senioren des Orts verfolgen das Treiben von Stuhlreihen an den Seitenwänden aus. Niemand nimmt Notiz von uns. Irgendwann tritt ein alter Herr vor. Er spricht ein paar Sätze auf Inuktitut ins Mikrofon, alle senken das Haupt, es scheint ein Gebet zu sein, und kaum hat er geendet, strömt alles recht unzeremoniell zu den Kesseln und Töpfen. Ich auch. Als ich vor einer Wand breiter Rücken nicht weiter komme, erhalte ich einen energischen Schubs von hinten. “Go”, zischt die dürre alte Dame und schubst mich wieder, “go!” Ich tue wie geheißen und dränge brav ein paar kräftige Teenager zur Seite. Keiner erhebt Einspruch. Zuletzt stehe ich vor einem hohen Topf, in dem dicke Fleischbrocken in brauner Soße treiben. Wer keine Gabel hat, reicht mit aufgekrempelten Ärmeln hinein und fischt seinen Fetzen mit bloßer Hand heraus.

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Kirchlein in Repulse Bay: Die Repulse-Inuit haben zwar schon längst den „rechten Glauben“ angenommen, gelten aber noch immer als besonders traditionell.

Maktaq: Energieriegel made in Nunavut

Ich finde das gewöhnungsbedürftig und schlendere zu den auf den Kartons sitzenden Damen hinüber. Diese schneiden mit dem Ulu, dem traditionellen Frauenmesser der Inuit, gerade mundgerechte Stücke aus tiefgefrorenem Arktischem Saibling heraus. Ich lehne dankend ab und zeige stattdessen auf einen dunklen, ebenfalls gefrorenen Klumpen. Das scheint für einen Weißen eine ungewöhnliche Bitte zu sein. Sie kichern, palavern auf Inuktitut und kichern noch mehr. Dann schneidet mir die älteste der Frauen ein kleines Stückchen ab. Die jüngste reicht mir ein Schälchen mit Sojasoße. “Better for you”, lächelt sie und schiebt noch etwas auf Inuktitut hinterher. Wieder kichern alle. “Maktaq”, sagt die Alte und macht eine Handbewegung, die ich als “Hau ´rein” deute. Ich habe Maktaq schon in Iqaluit gegessen und wappne mich innerlich: Maktaq ist rohes Walfett mit Walhaut darüber, die vitaminreiche, unseren Energieriegeln ähnliche Inuitkost aus alten Tagen, die damals Skorbut verhinderte und bis heute überall in der Arktis die Kühltruhen füllt.

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Community Feast mit Kulturangebot: Nach mehreren Stunden hatten sich diese drei Sängerinnen heiser gesungen ..

Zeitreise mit Trommeltänzern

Dass es, wie oft zu lesen ist, roh und lange gekaut, Nussgeschmack entwickelt, kann ich übrigens nicht bestätigen. Ich finde, das Zeugs schmeckt und riecht entfernt nach Urin. Während ich noch nach Wasser zum Nachspülen suche, nehmen drei alte Damen in traditioneller Inuit-Tracht auf den Stühlen am Saalende Platz. Eine greift zum Mikrofon und beginnt ein in meinen Ohren recht eintönig klingendes Lied. Die beiden anderen stimmen ein, und bald schwebt ein prähistorisch klingender Klangteppich durch den Saal. “Ayaya, ayayaaa .. ” .. Man ehre einen Mann, erklärt mir der alte Herr von vorhin, der ein tüchtiger Bärenjäger gewesen und neulich leider gestorben sei. “Ayaya”, lese ich später nach, ist auch der Name der jahrtausendealten, seit Urzeiten von Alaska bis Grönland gesungenen Drum Dance Songs, die tatsächlich meist von der Jagd auf Eisbären handelten.

Nun hebt ein junger Mann die vor den Sängerinnen liegende, aus einem bespannten Holzring mit Griff bestehende Trommel auf und beginnt sich, ayaya ayaya ayayayaa, im Rhythmus der Musik zu wiegen. Vornüber gebeugt und das Gewicht seitlich von einem aufs andere Bein verlagernd, schwingt und dreht er nun die Trommel in großen, ausgreifenden Kreisen, was ihn zusehends größer und mächtiger erscheinen lässt. Mit einem Holzklöppel in der rechten Hand schlägt er dazu, bum bum bum bum, einen forschen Viervierteltakt auf den Holzring der Trommel. Rücken, Schultern, Kopf und Arme, für ein paar Augenblicke verschmilzt der junge Trommel-Tänzer in meiner Fantasie tatsächlich mit Nanuk, dem Eisbären vor den Toren der Stadt. Als der Tanz zuende ist, legt er die Trommel wieder vor den Sängerinnen auf den Boden und entfernt sich. Ein anderer Mann tritt vor, greift zur Trommel, und das Spiel beginnt von neuem. Am Ende habe ich ein halbes Dutzend “Eisbären” jeden Alters gesehen und schier endlosen “Ayayas” zugehört. Ich bin zutiefst beeindruckt und fühle mich privilegiert, einen Ausschnitt dieser Kultur, die bis heute den extremsten Lebensbedingungen des Planeten trotzt, erlebt zu haben. Ich bin gespannt auf morgen ..

Weitere Infos über mein Arktis-Abenteuer in Nunavut und Manitoba  findet Ihr hier:

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1 Comment

  • Reply
    MONIKA REGALI
    17. Oktober 2014 at 20:01

    Super.

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