Kanadas Osten

Coole Routen in Kanada (2): Québec´s raue Route 132

Wild und leer ist das Innere der kanadischen Gaspé-Halbinsel, zerklüftet und einsam die Küste. Eine Tour auf der Route 132.

Die Rte. 132 umrundet die gesamte Gaspé-Halbinsel und ist an der hier beschriebenen Nordküste am schönsten.

Roadtrip Québec: Wie Nova Scotias Cabot Trail, nur weniger touristisch

“Wer hier leben will, muss stark sein”, sagt Thierry Lafargue, der junge Braumeister der Microbrasserie Le Malbord in Sainte-Anne-des-Monts. Seit 2014 braut er mit zwei Freunden Craftbiere aus dem klaren Wasser der Chic-Choc-Bergen gleich hinter der Tür. “Körperlich stark, weil du hier schon mal mit anfassen muss. Und mental stark, weil die Winter hier verdammt lang sind und Du hier nicht die Auswahl hast wie in Montréal.” Tatsächlich sind es von Sainte-Anne, dem kleinen von Chic Chocs und St.-Lorenz-Golf eingeklemmten Nest beiderseits der 138, acht Autostunden nach Montréal. Beziehungsweise gefühlte 20 Lichtjahre, das käme der Wahrheit näher. Denn in der gesamten Gaspésie, die so groß ist wie Belgien, leben nicht mal 130 000 Menschen, und ausschließlich in winzigen Nestern an den Küsten. Das Innere ist raue, leere Bergwelt.

Route 132: Der Atlantik ist immer in Sicht

So wild und unzugänglich ist es dort, dass bisher jeder Versuch, mehr aus der Gaspésie zu machen als einen Fisch- und Holzlieferanten, im Sand verlief. Abgehoben hat deshalb auch der Fremdenverkehr nie so recht. Umso mehr genießt man im Le Malbord, wo man von der Theke aus die Sonnenuntergänge über dem St.-Lorenz beobachtet, das gute Leben. Die Biersorten haben Thierry und seine Partner nach Typen aus der Umgebung benannt. La Collin zum Beispiel, ein irisches Ale, erinnert an Léon Collin, einen furchtlosen Fischer aus dem Nest Tourelle. Oder das der angeblich übermenschlich starken Fischerin Flavie Maloney gewidmete, sechseinhalbprozentige Pale Ale namens La Pagon. Es schmeckt erst nach ein paar Schlucken und wirkt selbst dann noch so schroff wie die düster dräuenden Chic Chocs jenseits der Route 132.

Wer gerne Auto fährt, ist hier goldrichtig .. 🙂

Roadtrip Québec:  Die Gaspé-Halbinsel, ein Stück ungeschminktes Québec

Die Gaspé-Halbinsel ist wie das La Pagon. Sie wirft sich dem Roadtripper nicht gleich um den Hals. Sie will erfahren werden, Kilometer um Kilometer. Ging es nach Québec City auf der Küstenstraße Route 132 erst noch durch aufgehübschte Dorfidyllen, schlägt sie bald hinter Sainte-Flavie einen anderen Ton an. Häuser drängen sich zu dekorlosen Haufen zusammen, Haustüren öffnen unmittelbar zur Straße. Dazwischen hängen Stromkabelsalate, sie sind ebenso Teil der ungeschminkten Lebenswelt wie die Depanneurs genannten, nur das allernötigste führenden Kaufläden und die in jedem Nest obligatorische Tankstelle, deren Besitzer Autos nicht nur betanken, sondern auch reparieren und dazu dünnen Kaffee, Pepsi, Propangas und Lose von Lotto Québec verkaufen. Gleich hinter dieser nüchternen Lebenswelt schlägt der Atlantik auf den steinigen Strand. Denn der St.-Lorenz-Strom ist längst ein Meer und riecht nach Salz und Tang.

Treffpunkte: Der Dorfladen verkauft von Lotterielosen über Lebensmittel bis zu Kaffee und Benzin alles, was man zum Leben in den kleinen Orten so braucht .. 🙂

Route 132: Wo der Dorfladen noch alles hat

Unmittelbar hinter Sainte-Anne beginnt grau-schwarze, mehrere hundert Meter hohe Steilküste. Fünf, drei und manchmal kaum mehr als zwei Meter neben der Straße. Wellenbrecher schützen die 132 vor dem auf Augenhöhe anrollenden Atlantik, doch der schafft es trotzdem immer wieder auf die Straße und lässt die Scheibenwischer anwerfen. Der Verkehr ist dünn, unterwegs sammelt er sich an zwei oder drei kleinen Baustellen. Das 200-Seelennest La Martre mit dem berühmten roten Leuchtturm gleitet vorbei.

Viel fotografiert, von mir natürlich auch: der schöne rote Leuchtturm von Cap Chat.

 

Mont St. Pierre: Im Sommer starten die Drachenflieger von dem 400 m hohen Berg über dem Dorf!

Roadtrip Québec: Nichts ist von der Stange, hier leben nur Originale

Die nächsten Siedlungen liegen in kleinen Buchten, man sieht sie erst nach besonders scharfen Kurven. Bis L´Anse-au-Griffon geht es so weiter. Kraftvolle Kulissen, mit auf den nackten Fels geklebten Weilern und Orten, die Grande- und Petite-Vallée heissen, L´Anse-à-Valleau und Cloridorme. Wer hierher zieht, hat sich entschieden. Wie der Fotograf Éric Deschamps in Cap Chat, der mit 24 Montréal und einer Karriere als Versicherungsmathematiker den Rücken kehrte, weil er, wie er sagt, endlich leben wollte und heute mit Stativ und Kameras bewaffnet durch das Innere zieht, um Elche zu fotografieren. Oder Antoine Nicolas in Cap-aux-Os, ein gebürtiger Bretone und auf Aquakulturen spezialisierter Agronom. Er kam, weil es in der Baie de Gaspé die größte Algenvielfalt in Québec gibt und weil das für ihn der schönste Vorwand ist, bei jedem Wetter tauchen zu können. Inzwischen sammelt er rund 15 Algenarten für Spitzenrestaurants in Montréal und Québec City und verrät auf seiner Webseite tolle Algenrezepte.

Érich holte mich vor Sonnenaufgang zum Elchegucken ab. Leider sahen wir an dem Vormittag keine, aber das war auch nicht weiter schlimm .. 🙂

Wahnsinnsaussichten: Der Blick vom Mont Ernest-Laforce auf das Gipfelplateau des Mont-Albert war einfach klasse!

Mit Antoine Nicolas am Strand unterwegs. Am Ende hatte er genug Algen und Seegurken zum Sattwerden gesammelt .. 🙂

Route 132: Das schönste Tüpfelchen auf dem -i

Zuletzt läuft die 132 in Percé ein. Der Rocher Percé, das Wahrzeichen der Gaspé-Halbinsel, liegt vor dem alten Resortstädtchen wie ein gestrandeter Ozeandampfer. 438 Meter lang, 88 Meter hoch und um die 5 Millionen Tonnen schwer ist der fotogene Kalksteinklotz, dank seines 30 Meter hohen Lochs gehört er zu den meistfotografierten Motiven im Ostkanada.

Percé schlief noch, als ich einrollte: Sonnenaufgang, mit dem Rocher-Percé links und der vorgelagerten Ile-Bonaventure

Doch Percé, einst so etwas wie die Perle der Gaspésie, wurde in der letzten Zeit schwer gebeutelt. Überhöhte Preise vergraulten Besucher, Hotelbesitzer machten zu spät auf und zu früh wieder zu. Dann spülte ein Sturm im Dezember 2016 den halben Strand des Städtchens fort. “Wir arbeiten dran”, sagt Cathy Poirier, die frischgebackene Bürgermeisterin von Percé. “Auf unseren Gemeindemeetings versuchen wir, unsere Leute für den Tourismus zu sensibilisieren.“ Augenfälligster Beweis der neuen Ära ist die im Juni 2017 eröffnete Aussichtsplattform auf dem Mont Ste-Anne.

Bürgermeisterin Cathy Poirier und ich hoch über Percé. Allein der Blick von der neuen Aussichtsterrasse lohnt den ganzen Trip!

Die Aussicht von dort auf das 200 m tiefer liegende Percé und die vorgelagerte Ile-Bonaventure mit ihrer riesigen Tölpelkolonie ist spektakulär. Die Plattform ist Teil des im Jahr zuvor eingeweihten Géoparc de Percé, der im Hauptgebäude zu Füßen des Berges mit einer spektakulären Multimediashow die 500 Millionen Jahre alte geologische Vergangenheit des Ortes Revue passieren lässt. Die junge Bürgermeisterin hat große Pläne. “Wir wollen der nach Tumbler Ridge in BC und Stonehammer in New Brunswick dritte UNESCO Géoparc in Nordamerika werden und haben nun unsere Bewerbung eingereicht.” Sie schaut einer vorbeifliegenden Möwe nach und lächelt. “Im Frühjahr 2018* soll die Antwort kommen.” Solange nur kein Flughafen nach Percé kommt. Das Zeug zu einer internationalen Destination hätte der Ort – und die ganze Gaspé-Halbinsel – nämlich allemal.

 

* Die Antwort kam tatsächlich im Frühjahr 2018! Der Géoparc de Percé heisst jetzt offiziell  Géoparc mondial UNESCO de Percé – Percé UNESCO Global Geopark .. 🙂

 

Praktische Infos über die Route 132 auf der Gaspé-Halbinsel findet Ihr hier

 

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