Kanadas Norden Reisetipps

Aurora 360, Kanada: Die Jäger des tanzenden Lichts

Im November 2017 wagte sich Travel Yukon mit „Aurora 360“ auf Neuland. Der erste Flug zu den Nordlichtern war so erfolgreich, dass weitere folgten. Nun ist der nächste Aurora-Flug für Januar 2020 geplant. Ich hatte das Glück, beim Jungfernflug mit dabei zu sein.

Aurora 360: Pilot Kenny hat stets den besten Blick! Übrigens: Erinnert sich noch jemand an die Zeiten, als Passagiere einen Blick ins Cockpit werfen durften?

Noch können wir nicht selbst zu Sonne, Mond und Sternen fliegen, um sie aus nächster Nähe zu bewundern. Wir können jedoch Orte besuchen, von denen aus wir sie besser sehen. In Kanada galt das bisher für Sonnen- und Mondfinsternisse, Nordlichter und für klaren Sternenhimmel in fernen Wildnisgebieten. Nun hat die kanadische Tourismusindustrie ein Produkt entwickelt, dass die Beobachtung von Nordlichtern auf eine neue Stufe hebt. Aurora Viewing 2.0, sozusagen. „Diese Idee ist so cool, dass wir hier Leute sehen werden, die vorher nicht im Traum daran gedacht haben, den Yukon zu besuchen“, freut sich Robin Anderson. Der Global Marketing Manager von Travel Yukon steht mit zahlenden Gästen aus aller Welt im Beringia Interpretive Centre von Whitehorse, man lauscht den Reden lokaler Würdenträger aus Politik und Wirtschaft und verzehrt pochiertes Wapitifleisch auf Crostinis. Denn für den Tourismus hier im äußersten Nordwesten Kanadas ist dies eine große Sache: Der Auroraflug, organisiert von Air North, soll den Yukon auf den Schirm internationaler Nordlichtfans rücken und zeigen, dass das Territorium mehr drauf hat als raue Wildnis und Goldrauschvergangenheit.

Aurora 360: Kurz nach Mitternacht auf dem Flughafen von Whitehorse!

 

Kanada: Mit dem Jet zu den Nordlichtern

Im Raum liegt gespannte Erwartung. Denn wann hat man schon mal die Gelegenheit, Nordlichter hoch über den Wolken und weit, weit weg von Staub und Feuchtigkeit zu erleben? Und zwar in 12000 Meter Höhe, an Bord einer eigens zu diesem Zweck gecharterten Boeing 737, die mit der Rotation der Erde Schritt halten und deshalb für tolle Fotos sorgen wird. So zumindest erklärt es Anthony Gucciardo von der Yukon Astronomical Society gerade. Die Sternegucker aus dem Yukon firmieren gemeinsam mit Air North und der Regierung des Territoriums als Veranstalter. Begeistern für den Auroraflug will man vor allem Baby Boomer und Millenials, die nicht nur entspannen, sondern auch neue Erfahrungen sammeln wollen. Wie eben die Aurora zu erleben wie niemand anderes, dazu vorher eine Runde im Hundeschlitten zu drehen und danach in heißen Quellen wieder aufzutauen. So sieht es das mehrtägige, von den Veranstaltern geschnürte Aurora-Paket vor. Und bei alledem natürlich gut zu essen und zu trinken – die junge kulinarische Szene des Territoriums, lobt Anderson, habe es in sich.

Auch wenn´s eine optische Täuschung ist: Auf dem Aurora 360 Flug scheint man auf Augenhöhe mit den Nordlichtern zu sein!

 

Kanada: Aurora 360 für Überflieger

Dann ist es endlich so weit: Aufbruch! Kurz nach Mitternacht, bei Temperaturen tief im Minusbereich, werden die 90 Passagiere in Bussen durch die schlafende Stadt zum Whitehorse Airport gefahren. Zuletzt halten sie gleich neben der B-737. Durch eisige Windböen geht es in bester Stimmung die Gangway hinauf. Der Start von Flug „Aurora 360“ bei verdunkelter Kabine in die pechschwarze Nacht ist unwirklich. Hin und wieder blitzen vorn die Bedienungslichter im Cockpit auf, dringen leise Gesprächsfetzen der Mitreisenden ans Ohr. Nach etwa einer halben Stunde die erste Aurora-Ansage von Kapitän Dan Kenny: „Auf der linken Seite. Es geht los!“ Es folgt kollektives Sitzerutschen. Wer rechts sitzt und kaltblütig genug ist, geduldet sich, bis die Show auch vom eigenen Platz aus zu sehen ist. Wer Angst hat, etwas zu verpassen, steht auf und versucht vom Gang aus, ein Blick auf die Show zu erhaschen. Der Kapitän lässt für die Fotografen die Positionslichter löschen, diese bitten darum, alle unnötigen Lichter in der Kabine zu dimmen. Was folgt, ist freundliches, aber zielstrebiges Gedränge im Gang und sanftes, nicht minder zielorientiertes Gerangel um die besten Plätze. In diesem Melée im Dustern kommt die Stewardess mit einem Tablett voller Cocktails gerade recht. Die Drinks werden von grün leuchtenden LED-Eiswürfeln illuminiert. „Da ist Gin drin“, sagt sie, „und ein paar geheime Zutaten, die unser Mixologist vom Fairmont Pacific Rim nicht preisgeben will.“

Nach dem (freundlichen, schließlich ist dies Kanada!) Gerangel um die Fensterplätze wieder entspannte Mienen. Die Drinks tun ihre Wirkung .. :)

 

CO2-Ausstoß? Klimaschutz?

Die allgemeine Erregung legt sich, die Cocktails erledigen ihren Job. Die B-737 fühlt sich nicht länger wie ein Safaribus an, stattdessen zeigt man einander die Ausbeute des ersten Rendezvous mit Madame Aurora. Astronom Anthony Gucciardo wandert durchs Flugzeug und beantwortet Fragen. Ja, man wisse in etwa, wann und wo das Nordlicht die nächste Vorstellung geben werde, und nein, die Farbenintensität müsse man abwarten. Ein deutsches Paar aus dem Münsterland ist schon jetzt begeistert. „In Kanada haben wir die Aurora schon ein paar Mal gesehen, aber das hier schlägt alles!“ Ein paar Sitzreihen weiter klebt Ethan Matsuo am Fenster. Der 13-Jährige aus Vancouver hat Krebs und ist mit seinen Eltern an Bord. „Jetzt kann ich die Nordlichter von meiner Bucket Liste streichen“, strahlt er, während sich draußen die nächste Show ankündigt. Rachelle Mackintosh, eine Fotografin aus Australien, presst ihre Kamera gegen das Fenster und zieht dazu ihren Mantel über den Kopf, um den Bildchip vor überflüssigem Licht zu schützen. „Es fühlt sich an, als sei man auf Augenhöhe mit der Aurora Borealis!“ Dass der Mensch dem Klima mit nichts so sehr schadet wie mit dem Fliegen, davon ist auf diesem Flug nichts zu hören.

Linkskurve zur letzten Aurora dieser denkwürdigen Nacht ..

 

Aurora 360: Vom Cockpit aus der beste Blick

Auch wenn das eine optische Täuschung ist: Während der nächsten zwei Stunden wähnt man sich den Nordlichtern näher als je zuvor. Ein Highlight ist auch der Besuch im Cockpit. Kapitän Kenny lässt die Tür zum Allerheiligsten während des gesamten Fluges weit geöffnet. Zunächst ist man von den mehreren hundert leuchtenden Bedienungselementen vor, über und neben einem überwältigt. Nachdem sich die Augen an die Lichtschau gewöhnt haben, schaut man hinaus. Zunächst meint man, noch nie ein schwärzeres Schwarz gesehen zu haben. Doch dann macht man Sterne aus, erst nur ein paar, dann immer mehr, und ein paar Minuten später passiert es. Am Horizont taucht eine feine graue, innerhalb weniger Sekunde grün werdende Linie auf. Ein paar Minuten hängt sie da, als wüsste sie nicht wohin mit sich, dann beginnt sie zu flimmern und reißt einen mattgrünen, riesigen Vorhang auf, der kurz hin und her schwingt wie ein Bettlaken an der Wäscheleine. Die Farben sind nicht die allerschönsten, aber dieses Naturschauspiel vom Cockpit einer B-737 in 12 000 Meter Höhe sehen zu können, ist berauschend. Kenny hat ein tolles Büro. Oder etwa nicht? Der Kapitän dreht an ein paar Schaltern und lächelt. „Oh well, man gewöhnt sich dran.“ Und wirft doch einen langen Blick auf den Vorhang da draußen ..

 

alle Bilder: Neil Zeller Photography

 

 

Nähere Informationen zu Aurora 360 findet Ihr hier

Der nächste Auroraflug wurde auf den Namen Aurora | 360 Experience getauft und wird mit 80 Gästen an Bord zwischen dem 23. und 27. Februar vom Whitehorse Airport abheben. Hier gibt es einen kleinen Vorgeschmack. Im Preis von knapp 3700 CAD (vor Steuern) enthalten sind vier Nächte in einem Hotel (Frühstück inkl.) und drei Gourmet Dinner sowie

  • ein Willkommenspaket
  • ein Sitz im Flugzeug
  • alle Shuttles
  • Aktivitäten an den flugfreien Tagen
  • ein Empfang im neuen Yukon Astronomical Observatory
  • Besuche im Yukon Wildlife Preserve und den Takhini Hot Springs
  • Kostproben der Yukon-Küche
  • und diverse nette Memorabila

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