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Tatshenshini/Alsek: Unterwegs in Kanadas schönstem Raftingrevier

Ein Raftingtrip auf dem Tatshenshini River gehört zum Besten, was Kanada zu bieten hat. Ich habe mich in ein Schauchboot gesetzt und mir zwischen Gletschern und Grizzlies prompt das eingefangen, was Guides hier oben SOS nennen – nämlich ein „Scenic Overdose Syndrom”!

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Geradewegs ins Abenteuer: Der Tatshenshini River ist für mich der schönste Raftingfluss in Nordamerika!

Tatshenshini: Allein in der Wildnis

Die Nylonplane trennt warm von kalt, geborgen von verloren und, wenn man so will, roh von gekocht. Sie ist in der Mitte auf ein Paddel gespannt und an den Rändern mit Stricken an allem befestigt, was gerade verfügbar war. Sie ist Schutz vor dem Regen und den fast 100.000 Quadratkilometern menschenleerer kanadischer Wildnis rundrum, die die Bedürfnisse in die rechte Reihenfolge rückt: Unter der Plane schmeckt der sogar der heiße Kaffee aus der Kunststofftasse, aus der, je nach Tageszeit, auch Ovomaltine, Wein oder Tequila getrunken wird. Und der trockene Sandkuchen wie Schwarzwälder Kirschtorte aus dem anderen Leben.

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Unser Lager am Alsek Lake. Das krachende Kalben des Gletschers am gegenüberliegenden Ufer war unsere Nachtmusik .. 🙂

„Dies ist nicht Kalifornien!“

Das hat man in Dalton Post zurückgelassen, kurz bevor der Trip auf dem Tatshenshini River begann. Unsere Expedition besteht aus drei Rafts mit jeweils einem Guide als Skipper und Mädchen für alles. Campingausrüstung, Klamotten und Verpflegung für zehn Tage sind in wasserdichten Fässern und Gummisäcken verstaut. „Dies ist nicht Kalifornien“, grinst Teamchefin Mel, eine breitschultrige Farmerstochter aus Saskachewan, „hier schüttet es, schneit es, oder die Sonne sengt einem die Haut von den Fingern!“

Der Tatshenshini River entspringt unweit Chilkat Summit im Yukon Territory, mündet in den Alsek, der dann bei Dry Bay in den Golf von Alaska fließt. Dazwischen liegt die wohl spektakulärste Landschaft Nordamerikas. 1993 zum Provincial Park erhoben, ist der „Tat“ die vierte Komponente eines grandiosen Schutzgebiets, das 1979 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde.

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Mel und ihre Männer: Die drei waren immer ansprechbar, immer freundlich und unendlich geduldig. Perfekte Guides eben!

Der vom Tat in die Bergwelt gehobelte Korridor verbindet die Nationalparks Kluane (Yukon Territory, Kanada), Glacier Bay und Wrangell-St. Elias (beide Alaska, USA) miteinander – drei der schönsten, wildesten, unzugänglichsten Gegenden des Kontinents. Die Hälfte liegt ständig unter Schnee und Eis. Die andere besteht aus Tundra und Wäldern, hier haust der letzte stabile Grizzlybestand.

Früher war der Tatshenshini-Alsek Bindeglied zwischen den Inland- und Küstenstämmen. Der erste Weiße befuhr ihn 1890, ein gewisser Jack Dalton. Der Handelsposten, den Dalton während des Klondike-Goldrausches anlegte, rottet heute am Haines Highway vor sich hin, wo die Gummiboote eingesetzt werden.

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Hinter der nächsten Biegung lag die amerikanische Grenze. Zwei rote Linien, auf beiden Ufern die Felsenwände empor kletternd. Das Wort „lächerlich“ wäre ein Euphemismus.

Sightseeing mit Raft: Hinter jeder Kurve noch größer, noch schöner

Bald fühlen sich die Rafts flussabwärts in die unberührte Wildnis. Dunkle Urwälder aus Schwarzkiefern schlucken die Gruppe, der zusehends enger werdende Tat kaut immer heftiger an den Rafts. Die technisch schwierigste Passage des gesamten Trips kommt gleich zu Anfang. In einer 90-Grad-Kurve kracht der Tat gegen eine Felswand und schießt danach über mehrere Stufen durch einen acht Kilometer langen, aber nur wenige Meter breiten Canyon. Während der nächsten 50 Minuten prügelt er die Rafts über Stromschnellen der Klassen III und IV, hebt die Passagiere in Löchern dahinter aus den Sitzen und schüttet sein eiskaltes Wasser fassweise über ihnen aus. Mel, die jede Finte des Flusses kennt und souverän alle Gefahren ausbremst, pustet sich am Ende eine Strähne aus dem Gesicht und strahlt. „Cool, eh?“ Am Silver Creek wird das Camp aufgeschlagen. Mels Kollege Mark sammelt die Uhren ein. „Braucht Ihr nicht mehr“, sagt er. Fortan folgt man dem Stand der Sonne.

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Die Rafts segelten fast wie Hovercrafts über die Stromschnellen. Kein Vergleich zu Kanus. Ich hätte bei diesen Bedingungen nicht gern in einem dieser Wackeldinger gesessen ..

Doch sobald die hinter Wolken verschwindet, geht die Temperatur in den Keller. Anziehen, ausziehen, anziehen, nein, dies ist nicht Kalifornien. Die zweite Etappe über hält der Tat still. Wir gleiten an Kiesbänken vorbei, auf denen Treibholz herumliegt wie weiße Knochen. So jung ist der kommerzielle Verkehr auf dem Tat, dass mancher in den Fluss mündende Creek erst von Mels Guide-Kollegen benannt wurde. „Das da drüben ist Bear Bite Creek“, sagt sie und dreht das Raft in Blickrichtung. „Vor ein paar Jahren wurde dort eine Frau nachts im Zelt in die Wade gebissen.“ Da ist man ganz Ohr. „Als sie ihr Bein wegzog, ließ der Bär, es war ein Schwarzbär, es los und trollte sich. Sie hatte vier Zahnabdrücke in der Haut.“ Kurz vor dem Zeltplatz am Sediment Creek, einer mit Wildblumen gesprenkelten Wiese zu Füßen steiler Zweitausender, kommen die ersten schneebedeckten Gipfel in Sicht.

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Nach ein paar Tagen nennt man den Tatshenshini schlicht „Tat“ und freut sich über solche Wellenberge!

Kanadisches Rafting: Brennholz gebunkert, Stromschnellen gemeistert

Handfeste Anzeichen von Bären tauchen tags darauf während der Besteigung eines Bergrückens hinter dem Camp auf. In einem Birkenwäldchen haben Grizzlys ihre Graffiti hinterlassen: mit scharfen Klauen tief in die Stämme geritzte Kratzer,iIn gut zweieinhalb Meter Höhe. Mark, der vorgeht, klatscht jetzt öfter in die Hände. „Willkommen auf dem Tat, Ihr seid jetzt Teil der Nahrungskette“, grinst er. Man rückt enger zusammen: Grizzlyattacken auf Gruppen von mehr fünf Personen, sagt Mark, sind nicht überliefert.

Tag 5 auf dem Tat. Einmündende Creeks sorgen für Turbulenzen. Von Gletschergeröll aufgestülpte Ufer, u-förmige Täler mit Blick in das wüste, bestürzend schöne Innenleben grandioser Geologie, garniert mit Eiszungen, die in der Sonne funkeln: Bald grassiert, was die Guides SOS nennen, „Scenic Overdose Syndrom“.

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Kanada im XL-Format: Hinter jeder Biegung wurde es noch schöner. Ungelogen.

Der Wind fegt über die Gletscher hinab in den Korridor wie durch einen Windkanal. Es wird merklich kühler. Jeder muss mitpaddeln, der Gegenwind treibt die Rafts sonst stromaufwärts. Kilometerbreite Deltas gleiten vorbei, von Gletschern vor Jahrtausenden in den Fels gefräst. Einer von ihnen gab 1999 den kanadischen Ötzi frei. 500 Jahre soll der „Yukon Iceman“ alt sein. Ein Alter, das Experten nun wieder bezweifeln, aber nicht widerlegen können, weil der Eismann bereits bestattet wurde. „Die Indianer hier verstehen keinen Spaß, wenn es um die Gebeine ihrer Vorfahren geht“, sagt Mark.

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Unser Camp am Lake Alsek. Der letzte sonnige Tag. Die Nacht und der letzte Tag der Reise nach Dry Bay fällt buchstäblich ins Wasser.

Nein zu Bergwerken: Öko-Guerilla auf dem Tatshenshini

Vor uns hat ein gewaltiger Erdrutsch den Tat in ein enges Korsett geschnürt und 4er-Stromschnellen erzeugt. Wegen dieser Stelle wurde der Fluss überhaupt erst bekannt. In den späten achtziger Jahren sollte hier ein Kupferbergwerk entstehen, die Windy Craggy Mine. Es waren Rafting-Guides wie Mel und Mark, die zuerst auf die gelben Flaggen, die die Baustelle markieren sollten, aufmerksam wurden. Im Geiste Edward Abbeys, eines frühen amerikanischen Umweltaktivisten, entfernten sie auf jedem Trip die Flaggen aufs Neue und behinderten damit in Guerilla-Manier die Arbeiten so lange, wie Politiker und Umweltschützer brauchten, um den Tatshenshini-Alsek als Provincial Park unter Schutz zu stellen. Seitdem heißen diese Stromschnellen „Monkey Wrench Rapids”. Nach einem Buch Abbeys über militante Öko-Krieger.

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Es knackte und krachte, aber es brach nicht: Walking auf dem Walker Glacier.

Die meisten Flüsse in dieser Weltgegend beginnen in kalten Gebirgen und fließen warmem Tiefland zu. Der Tatshenshini hingegen scheint bergan zu fließen. Er beginnt im grünen Hügelland des Yukon Territory, fließt durch die schneebedeckten St. Elias Mountains und endet im eiskalten Alsek Lake, zwischen Gletschern und Eisbergen. In einem trügt die Wahrnehmung jedoch nicht: Jeder Tag ist besser als der vorige. Am sechsten Tag kurvt der Tat in weiten S-Kurven durch ein zwei, drei Kilometer breites, u-förmiges Tal.

Durch die schneebedeckte Fairweather Range zur Rechten gleitet man wie durch einen Bildband über die schönsten Gebirge der Erde. Cottonwood- und Kiefernwälder geben den Blick auf blau schimmernde Gletscher frei, breite Geröllfelder erinnern daran, dass dies eine tektonisch überaus aktive Gegend ist. Ein paar Kilometer später mündet der Tatshenshini in den Alsek. Dieser schlicht „The Confluence“ genannte Abschnitt gleicht einem gigantischen Amphitheater.

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Alsek Lake: Mit der Schlechtwetterfront im Rücken suchten wir nach einem geschützten Lagerplatz.

Alsek Lake: Surreale Welt aus Wasser, Eis und Schnee

Umgeben von imposanten Viertausendern, bietet jede Richtung umwerfende Blicke. Im Südosten liegt der Melbern Glacier. Im Nordwesten schweift der Blick über die Hubbard-Verwerfung auf die Icefield Range. Dort, meist in den Wolken, steht der Mount Logan, mit knapp 6000 Metern Kanadas höchster Berg. Einst trafen sich Küsten- und Inlandindianer hier zum Handeln. Auf Petroglyph Island haben sie mysteriöse Felszeichnungen hinterlassen. Ein Grizzlybär löst sich aus dem Waldsaum und trottet versonnen dem Tat entgegen. Auf Mels Rufe reagiert er eher verwundert. Er stellt sich auf die Hinterbeine und späht zu den Rafts hinüber. Heute nicht, scheint er zu denken und macht kehrt.

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Das schlechte Wetter hatte auch sein Gutes: Der Regen und die tief hängenden Wolken verliehen der Wildnis eine mystische Atmosphäre.

In der vorletzten Nacht, so gegen 2 Uhr, scheint eine Welle das Lager über dem Alsek-See zu überschwemmen. Es gluckst und platscht wie in der Badewanne, in der Ferne donnert es unaufhörlich – vielleicht kalbt der Alsek-Gletscher und schickt eine tosende Welle hinunter? Doch ein Blick im Licht der Taschenlampe zeigt: Zelt und Schlafsack sind trocken. Das Gluckern stammt von den schmelzenden Eisbergen im See und reicht in der Stille der Nacht kilometerweit.

Am nächsten Morgen tasten sich die Rafts hinein in diese surreale Welt aus Schnee, Eis und Wasser. Die Tropfgeräusche werden lauter. Die Eisberge scheinen miteinander zu kommunizieren. Hin und wieder raschelt es wie eine Plastiktüte, dann lösen sich Stücke vom schmelzenden Rumpf. Mit dem Tatshenshini-Mündung in den Alsek-See endet auch unser Rafting-Trip – heftig infiziert mit SOS.

Dieser letzte Flusstag versinkt im Regen. Am elften, dem letzten, geht es schließlich nach Dry Bay, einer Fischfabrik mit Rollfeld am Pazifik und in Alaska. Nichts bleibt trocken, alle frieren erbärmlich. Nie war die Vision einer heißen Dusche schöner.

 

Mehr über diesen Trip auf dem Tatshenshini River vom Yukon nach Dry Bay (Alaska) hier

 

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