Kanadas Westen

Spray Valley (Alberta): Das Shangri-La hinter den Drei Schwestern

Was ist denn das für ein sonderbares Vogelgezwitscher? Und hört es sich jetzt nicht an wie Hundegewinsel nahe der Ultraschallgrenze! Kurz darauf kommen die Urheber dieser Geräusche in Sicht: drei auf einer Kiesbank des Buller Creek herumalbernde, vergnügt quietschende Wollknäuel!

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Spray Valley Provincial Park (Alberta): Nach dem Betrieb im nahen Bow Valley eine echte Erleuchtung!

Sofort bleiben wir stehen, doch offenbar nicht schnell genug. Ein großer Schatten löst sich aus dem Dickicht. Mit drei Sätzen ist die Wölfin bei ihren Welpen und schubst sie mit der Schnauze wieder in den Wald. Danach tritt sie zurück auf die Kiesbank, stellt die Vorderläufe in den Schlick und starrt mit ­die­sem­ wolfs­typischen, regungslosen Blick zu uns herüber. Auch wir ­rühren uns nicht, ans Fotografieren denken wir in diesem Moment gar nicht. Ihre Mimik­ und Körpersprache lassen keine Zweifel aufkommen: bis hierher und nicht weiter, signalisiert sie!­ Also langsam rückwärtsgehen, bis wir außer Sichtweite sind.

Die Begegnung dauert nur wenige Augenblicke, doch sie ist von solch elementarer Wucht, dass wir bis heute von ihr zehren. »Neulich wurde hier im Spray Valley eine Wölfin mit ihren Jungen­ gesichtet. Das passiert nicht oft«, hatte Chris Williams­, Manager der Mount Engadine Lodge, noch kurz vor unserem Aufbruch gesagt. Sie könnten von Süden­ heraufgekommen sein, vermutete Chris, den Fährten der Beutetiere folgend­. Doch dass wir sie leibhaftig zu Gesicht bekommen­ würden, damit hatten wir nicht im Traum gerechnet.

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Spray Valley am Abend: Unterhalb der Mt. Engadine Lodge wurde übrigens für den Hollywoodfim „The Edge“ die Szene geschossen, in der Alec Baldwin alle Hoffnung aufgibt und von Anthony Hopkins wieder aufgebaut wird .. 🙂

 

Spray Valley (Alberta): Highway für Tiere

Das Tal, das als Spray Valley Provincial Park unter Schutz steht, gilt als Wildniskorridor. Es ermöglicht Großwild wie ­Elchen, Hirschen, Bären und Wölfen, relativ ungestört vom Peter Lougheed Provincial Park im Süden in die Nationalparks Banff und Jasper im Norden zu ziehen – Der Korridor ist Teil umfassender Bemühungen von Staat und Provinz, vor allem den Grizzlybären­ und Wölfen einen weitläufigeren, artgerechteren Lebensraum zu ermöglichen­. Dazu liegt das Spray Valley in einem der schönsten Abschnitte­ der kanadischen Rockies. Im Norden grenzt es an den Banff National Park, doch während der viel berühmtere Nachbar jährlich vier bis fünf Millionen Besucher zählt, verirrt sich ins Spray Valley kaum jemand. Leicht zu finden ist das Tal auch nicht gerade. Wegweiser haben wir keine gesehen.

In Can­more im Bow Valley legen ­Einheimische, nach dem Weg gefragt, den Kopf in den Nacken, nicken Richtung Three Sisters, das scharf gezackte Dreier-Pack hoch über dem Ort, und sagen Sätze wie: »Liegt hinter den Bergen da. Nehmt die Schotterpiste zum ­Wasserturm über der Schlucht.« Das klingt romantisch und prosaisch zugleich und lässt die Erwartungen an den Ort steigen. Im zweiten Gang rumpeln wir bergan.­ Zwischen Ha Ling Peak und Mount Rundle arbeitet sich der ungeteerte SmithDorrien-Spray Trail durch eine enge Schlucht mit den letzten Zeichen von Zivilisation: Parkplätze für Tagesausflügler, ein Damm mit einem kleinen Stausee dahinter. Wenig später kommt ein Pass, und gleich dahinter öffnet sich das Spray Valley.

Der langgestreckte Spray Lake und mächtige Dreitausender, ­be­deckt­­ von Schneefeldern und von Schmelzwasserrinnen zernarbt, bestimmen­­ das Bild – eine wagner­ianische Kulisse voller Kraft und Schönheit. Und keine Menschenseele mehr zu sehen. Mit ­jedem Kilometer streifen wir das einschläfernde Bewusstein naher ­Zivilisation ein bisschen mehr ab, bis wir schließlich die Mount Engadine Lodge erreichen, die ­ein­zige­ Unterkunft in diesem ­gewaltigen, fast menschenleeren Tal.

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Auf dem Buller Trail unterwegs zum Ribbon Lake auf der anderen Seite des Gebirgskamms. Keine Menschenseele zu sehen .. 🙂

 

Spray Valley (Alberta): Eine Leere, die gierig macht

Anderntags nehmen wir den Buller Pass Trail unter die Stiefel. Der Wanderweg verspricht grandiose Aussichten 700 Meter weiter oben. Nach der Begegnung mit den Wölfen ist der Hunger nach mehr wilder Einsamkeit kurioserweise noch größer. Eine Stunde lang stehen kerzengerade dunkle Engelmann-Fichten Spalier, bis sich der Wald lichtet und den Blick bergan auf zwei mächtige, ­tal­ähnliche Kerben aus nacktem Fels freigibt.

Wir nehmen die rechte und verlassen die Baumgrenze. Anderthalb Stunden vom Trailhead entfernt ergießt sich der Buller Creek in einen türkis­farbenen Felsenpool. Keine zwei Steinwürfe dahinter ragt der knapp 3000 Meter hohe Mount Engadine wie ein spitzes Dreieck himmelwärts. Der niedrigere Mount Buller davor lässt es etwas weniger dramatisch angehen. Apropos Dramatik: Bären? Hatte Chris nicht auch was von Bären erzählt? Aber über der Baum­grenze ist man wohl zu hoch, um sie zu Gesicht zu bekommen. Oder etwa nicht? Hin und wieder erwischen wir einander beim ver­stohlenen Blick über die Schulter. Und stehen bald auf dem ­Boden eines mächtigen Kessels­ aus schierem Fels. Der Trail, nun von Geröll bedeckt,­ hangelt sich in engen Serpentinen die Gipfelwand em­por­­.

160 anstrengende Höhenmeter später ist der Buller Pass erreicht. Der Magen knurrt. Ein scharfer Wind zwingt zur Brotzeit in den Windschatten eines großen Felsbrockens. Nachdem der Magen besänftigt ist, lässt sich ungestört über die ­Aussicht ­staunen: Der Blick fällt in ein unbesiedeltes grünes Tal mit einem kleinen See, dem Ribbon Lake. Dahinter stehen weitere Giganten, öffnen sich weitere straßenlose, menschenleere Täler. Gierig saugen­ wir die Leere in uns auf, fühlen die Rocky Mountains so richtig­: Knapp unter der Schädeldecke breitet sich so eine ballonartige Schwerelosigkeit aus, lässt uns irgendwie schweben.

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Die Mount Engadine Lodge im Spray Valley, unser Domizil für die Tage im Spray Valley!

 

Abends sitzen wir auf der Terrasse der Lodge und schauen dem Sonnenuntergang über den Bergen zu. Ein Elch überquert die Wiese und steuert das Wasserloch unterhalb der Terrasse an. Hoch oben kreisen Steinadler. Vom Geländer aus studiert uns ein Streifenhörnchen. Als die Sonne hinter dem Mount Commonwealth versinkt, bleiben ihre Strahlen noch eine Weile an seinem gezackten Kamm hängen – das Ganze hat was von einem Heiligen­schein. Dann verschwindet das letzte Tageslicht so schnell, als hätte jemand das Licht ausgeknipst, und am Himmel drängen sich auf einmal die Sterne.

Eigentlich wäre jetzt etwas Wagner passend, doch zu hören ist lediglich das rüpelhafte Schlürfen und Schlabbern des Elchs ..

Weitere Informationen über Hiking im Spray Valley in Alberta findet Ihr hier:

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