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Kanada für Überflieger: Der Kluane National Park von oben

Dieser Tag trieft schon jetzt vor Abenteuer, und dabei sind wir noch gar nicht in der Luft.

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Unterwegs zum Kluane National Park: Zwischen Whitehorse und Haines Junction zieht der Alaska Highway alle Register!

Wir hatten ja keine Ahnung vom Yukon. Fahrt nach Haines Junction, hatten uns Einheimische abends zuvor in Whitehorse empfohlen. Steigt dort in ein Flugzeug und dreht eine Runde über dem Kluane National Park. Beim Tischfußball im Kneipendunst hatte das abenteuerlich genug geklungen. Und seltsam prosaisch zugleich, etwa so wie die Bauanleitung für ein Billyregal. Weil ja, so dachten wir, die “locals” den schönen, wilden Yukon jeden Tag vor der Nase haben. Wohl auch deshalb war uns nicht eingefallen, nach Einzelheiten zu fragen. Haines Junction also. Und dieser Nationalpark.

Bester Tagesausflug in Kanadas Norden

Und nun stehen wir neben dem Rollfeld, warten auf unseren Piloten und gratulieren uns gegenseitig. Ein kühler Wind weht uns ins Gesicht, er kommt von den Schneemützen tragenden Giganten, die unmittelbar vor uns Spalier stehen und St. Elias Mountains heißen. Ein spektakuläres Panorama. Dabei sind dies nur die Ausläufer der Eliasberge, aber das ahnen wir jetzt noch nicht. So oder so, wir haben Blut geleckt. Das eine wissen wir schon jetzt: Dies ist der beste Tagestrip in Kanadas Norden. Zum einen haben wir gerade 150 Kilometer auf dem Alaska Highway zurückgelegt. Manche mögen achselzuckend fragen: “Na und?” Doch für uns ist das nicht irgendeine Straße. Für uns ist der Alaska Highway die Mutter aller Highways. Die Straße, deren Asphalt jeder Romantiker/Träumer/Abenteurer wenigstens einmal im Leben unter die Reifen nehmen sollte. Jene Straße, die 1942 von den Amerikanern in nicht einmal neun Monaten durch eine damals kaum erforschte Wildnis von British Columbia nach Alaska getrieben wurde. 2300 Kilometer Fahrgenuss pur. Allein nach dem kurzen Weg hierher dürfen wir drei Elche, mehrere Wapitis, mehrere Steinadler und zwei junge Schwarzbären vermelden. Gleich neben oder über der Straße. Und kurz vor Haines Junction auch noch einen Kojoten, der, bevor er zwischen den niedrigen Kiefern verschwand, über die Schulter schaute, als wollte er sagen: “Nicht ich, Leute, nicht ich. Die Berge da vorne, die Berge. Da spielt die Musik!”

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Danksagung am Schwarzen Brett: „Don´t fuck up the landing .. „

Vermassel nicht die Landung, Kapitän!

Zum anderen nun dieser Flug. Wir haben den einstündigen Rundflug über die Gletscher des Parks gebucht. Unzufriedene Gäste scheint man hier nicht zu kennen. Die kleine Nicola, 8, pinnte dies ans Schwarze Brett der Chartergesellschaft: “Lieber Kapitän, Dein Flugzeug ist gut. Danke für einen schönen Flug und dafür, dass Du die Landung nicht vermasselt hast. Love, Nicola.” Da passt auch ins Bild, dass unsere nun vorfahrende Maschine schon Jahre im Einsatz war, als unser Pilot geboren wurde. Wir vertrauen uns einer Cessna-206 an, verkündet das junge Milchgesicht strahlend, Baujahr frühe 80er Jahre, Passagiere: 4. Dann öffnet er die Türen, stellt sich als David vor und bugsiert uns hinein. Am Ende eines entwürdigenden, mangelnder Biegsamkeit Tribut zollenden Schauspiels, finde ich mich im Schwanz der Cessna wieder, mit den Knien auf Augenhöhe und der Werkzeugkiste im Kreuz. “Die Two-0-Six gehört zu den besten Buschflugzeugen überhaupt”, brüllt David durch den Motorenlärm, “Jobs erledigen und Ladung sicher von A nach B transportieren, das ist ihr Ding. Also: Welcome on board!” Das Flugwetter ist hervorragend. Die Sonne scheint, keine Wolke am Himmel. Wir setzen die Kopfhörer auf und heben ab. “Wir fliegen zum Kaskawulsh Glacier, dann über den South Arm Glacier den Lowell Glacier entlang zum Lowell Glacier Lake, dann den Alsek River hinauf, bis er den Dezadeash River trifft, und von dort zurück nach Haines Junction. Ok?” Ok, David. Schon jetzt haben wir vergessen, dass wir locker Davids Eltern sein könnten.

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Freeways aus Eis und Geröll, bis zum Horizont und weiter ..

Kluane National Park: Schön und nicht ganz ungefährlich

Der Kluane National Park ist über 22 000 Quadratkilometer groß – halb so groß wie die Schweiz. Als wäre das nicht genug, bildet er zusammen mit Parks in British Columbia und Alaska (Wrangell St. Elias und Glacier National Park in Alaska, Tatshenshini-Alsek Provincial Park in BC) das größte Naturschutzgebiet der Welt. Gut 80 Prozent seiner Fläche sind von Gletschern und Berge bedeckt. Hier steht mit dem Mt. Logan (5959m) der höchste Berg Kanadas, hier befindet sich mit dem Kluane Icefield das weltweit zweitgrößte zusammenhängende Gletscher-Eisfeld außerhalb der Polregionen. Tolle Superlative, aber noch beeindruckender, weil unmittelbar nachvollziehbar: Hier gibt es keine Straßen. Keine Einzige. Wir versuchen, uns Slowenien, ebenfalls 20 000 Quadratkilometer, ohne Straßen vorzustellen. Nur ein paar Wanderwege kratzen am Rand dieser Wildnis. Für Backcountry Hiking muss man unbedingt Wildnis-Erfahrung mitbringen. Tatsächlich ist mit Mutter Natur nicht zu spaßen – selbst wenn der Alaska-Highway nur ein paar Meter weiter vorbeizieht. Vor allem ausländische Besucher verlaufen sich immer wieder, manche gehen für immer verloren. In Whitehorse erzählte mir ein Polizist die Geschichte eines Touristen, der unweit von Haines zum Austreten rechts heranfuhr. Seine Frau gab später zu Protokoll, er sei im Kieferwäldchen neben der Straße verschwunden – und nicht mehr aufgetaucht.

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Das blaueste Blau meines Lebens .. 🙂

Kluane National Park: Über eine andere Welt

Wie groß das “Kiefernwäldchen” ist, sehe ich, während die Cessna an Höhe gewinnt. Es ist riesig. Der Mann wird alle nur denkbaren falschen Entscheidungen getroffen haben. Während ich noch über das Schicksal des Ärmsten spekuliere, erhält die Cessna einen heftigen Schlag in die Seite und schlingert bedenklich. Gut, dass das Frühstück schon etwas länger zurückliegt. “Sorry Guys”, meldet David im Kopfhörer, “wir fliegen gerade über die Vorberge, da ist´s immer ein wenig bumpy!” Eine Minute später, rechtzeitig zur großen Show, ist die Schüttelei auch schon wieder vorüber. Rechter Hand fließt der Kaskawulshgletscher, eine gewaltige, zweispurige Eisstraße mit Geröll dazwischen, die sich links unter uns mit einem weiteren Arm zu einem gigantischen, mindestens 5 Kilometer breiten Highway aus Eis vereinigt. Die Ooohs und Aaahs verstummen. Wir starren nur noch auf diese unwirkliche, schrecklich schöne Welt aus Schnee, Fels und Eis. Wir fliegen nun etwas über 3000 Meter hoch. Höher geht es nur mit Sauerstoffmasken. Weiter stur geradeaus ist undenkbar: Dicke Viertausender verbauen uns den Weg. David fliegt die Cessna deshalb in weiten Kurven um diese “Verkehrshindernisse” herum, bis sich der Blick auf eine – ist das überhaupt noch möglich – noch spektakulärere Arena öffnet: Makellos weiße Bergmassive liegen vor uns, umkränzt von geschlossenen, ebenfalls schneeweißen Wolkendecken, auf denen sie zu schwimmen scheinen wie Ozeandampfer in der Antarktis. Auch das mächtige Massiv des Mt. Logan steht dort, majestätisch, unnahbar, grausam schön ..

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Überwältigende Natur: Es dauerte eine Weile, bis wir unsere Sprache wiederfanden!

Überdosis

Im Sommer fliegt David diese Tour mehrmals am Tag. Deshalb wundern wir uns auch nicht, dass er jedes Luftloch zu kennen scheint. “Gleich schüttelt´s wieder ein bisschen, sorry”, sagt er. Dann stößt er auf den Lowellgletscher hinab, einen 70 km langen, und bis zu 5 km breiten, von tiefen Spalten zerfurchten Gletscher mit -zig kleinen, stahlblauen Seen darauf. 40, vielleicht auch nur 30 Meter über dieser surrealen Fahrbahn fliegen wir dem Lowell Glacier Lake am Fuß des Gletschers entgegen. Wir sind mundtot inzwischen. Ist dies das im kanadischen Norden als SOS bekannte “Scenic Overdose Syndrome”? Die vom kalbenden Lowell-Gletscher abgebrochenen, als Eisberge auf dem See treibenden Gletscher-Fragmente nehmen wir kaum noch wahr. Als David die Cessna-206 nach einer Stunde wieder in Haines Junction aufsetzt, haben wir vor allems eines: Hunger. Unseren Flug über den Kluane National Park verdauen wir erst später.

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Pilot David: Jung an Jahren, reich an Flugstunden .. 🙂

 

Weitere Informationen zu diesem Wahnsinnsflug über den Kluane National Park findet Ihr hier:

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Travel Yukon: www.travelyukon.de
Haines Junction: www.hainesjunctionyukon.com
Kluane Glacier Air Tours: www.kluaneglacierairtours.com
Raven Hotel: www.ravenhotelyukon.com

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1 Comment

  • Reply
    Hannah
    30. Januar 2015 at 17:02

    Fantastische Geschichte, bin völlig angefixt, dreimal gelesen und dann auch noch das tolle video entdeckt!
    Danke für dieses Highlight!!! Es gab vor Urzeiten mal einen Song: Alaska I’ve seen your face… der ist mir beim Lesen schlagartig wieder eingefallen…Whitehorse Air – auf meiner bucket list!!!

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