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Grizzly-Bären beobachten in Kanada – Great Bear Lodge Vancouver Island

Man glaubt die großen Bären ja vom Fernsehen her zu kennen. Auf die erste Begegnung mit einem Grizzly in freier Wildbahn ist man trotzdem nicht vorbereitet. Ebensowenig wie auf den Anflug, der in einer abenteuerlichen 180-Grad-Kurve zwischen steilen Berghänden gipfelt ..

Bären beobachten auf Vancouver Island, British Columbia

Als die Sonne über die Bergkämme im Westen rollt und lange Schatten in den Smith Inlet fallen, stellt Marg Leehane den Motor ab und greift zu den Rudern. Lautlos gleiten wir durch das dunkle Wasser. “Da sind welche”, flüstert sie und dreht das Boot so, dass wir an der fast mannshohen Uferböschung zur Linken entlang treiben. Ausser einem schlammigen Uferstreifen mit Riedgras darüber sehen wir nichts.

“Listen”, zischt Marg nun, “hört mal!” Wir reißen die Mützen von den Köpfen, selbst an diesem Juniabend herrscht kanadische Kühle, und legen die Ohren frei. Nichts. Mit ein paar behutsamen Ruderschlägen bringt Marg uns wieder in Stellung. Wir lauschen angestrengt.

Grizzly-Bären beobachten in Kanada – zu Besuch in der Great Bear Lodge Vancouver Island

Marg Leehane, Bear Guide, Gastgeberin und Mit-Besitzerin der Great Bear Lodge: In allen Sätteln eine glatte Eins!

Ein Grizzly als Rasenmäher auf Vancoucer Island

“Think lawn mower”, lächelt Marg, “denkt an einen Rasenmäher.” Jetzt hören wir es auch. Da rupft jemand Gras. Wir denken an das Geräusch, das Kühe beim Grasfressen machen, doch das hier klingt zehnmal energischer. Ein sanfter Windstoß treibt Wellen durch das Riegras. Vorsichtig stehen wir auf, um besser sehen zu können. In einer zehn, zwöf Meter entfernten Mulde ist tatsächlich ein Rasenmäher unterwegs.

Und was für einer: Mächtige Grasstauden schütteln und rütteln, dann verschwinden sie plötzlich von der Oberfläche wie Häuser in geologischen Erdsenken.

Great Bear Lodge – schwimmende Luxus-Unterkunft im Smith Inlet

Wir sind keine drei Stunden hier und schon mitten drin in unserem Bären-Abenteuer! Unser Domizil für die nächsten Tage ist die tief im Smith Inlet ankernde Great Bear Lodge. Eine alte DeHavilland “Beaver” hat uns von Port Hardy auf Vancouver Island aus herübergeflogen, über die Johnstone Strait und geradewegs in eine mysteriöse Welt aus Fjorden, Inseln und steilen Bergen.

 

Dicke Matten immergrüner alter Sitkafichten und Douglaskiefern bedecken diese atemberaubende Topographie, morgens hängt dichter Nebel darüber und abends badet sie im purpurnen Licht der untergehende Sonne. “Willkommen in Great Bear Country”, begrüßt uns Marg, als wir aus der Beaver auf die Pier der Lodge klettern.

Die rothaarige Australierin führt die schwimmende Luxus-Lodge gemeinsam mit ihrem kanadischen Mann Tom Rivest, einem knorrigen Bärenexperten und engagierten Umweltschützer.

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Drei Gourmet-Mahlzeiten am Tag: Great Bear Nature Tours, der Lodge angeschlossen, wurde von National Geographic Adventure nicht umsonst einer der besten Anbieter von Abenteuerreisen genannt.

 

Es gibt acht geräumige Doppelzimmer mit großen Fenster, die auf den Inlet blicken, und einen großen Speise- bzw. Aufenthaltsraum darunter. Wind- und Sonnenenergie erzeugen Strom. Scheint die Sonne, werden die Mahlzeiten auf Wunsch auch draußen auf der Terrasse serviert. Doch wir sind nicht zum Faulenzen gekommen. Die Vorstellung, dass das Reich der Großen Bären nur ein paar Meter von unseren Kopfkissen beginnt, ist atemberaubend. Ein schmaler Steg führt von der Lodge hinüber aufs Festland.

Dort haben Marg und Tom ein Warnschild aufgestellt, die Lodge auf keinen Fall ohne Guide zu verlassen, und das macht Sinn: Der von hier bis nach Alaska reichende Great Bear Rainforest, der letzte gemäßigte Regenwald Nordamerikas, ist auch die letzte Bastion gesunder Grizzlybestände auf der Welt. Und er ist akut bedroht. Von den Plänen der Regierung, eine Pipeline hindurch zu verlegen, und von der Forstwirtschaft.

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Die Nase in der Luft: Diese Grizzly-Bärin unterbrach ihre Mahlzeit immer wieder, um Witterung aufzunehmen. Ihr Interesse galt jedoch nicht uns, sondern anderen Bären, die sich vermutlich am Waldrand aufhielten.

Bären beobachten am Smith Inlet – Eine Grizzly-Familie zu Besuch

Der “Rasenmäher” scheint näherzukommen! Aufgeregt verlagern wir unser Gewicht von einem Bein aufs andere. Dabei treten wir versehentlich gegen das Ersatzruder auf dem Aluboden. Das hohle Klong-Klong dröhnt wie ein Glockenschlag durch die Stille. Wir schämen uns gehörig, aber Marg sagt nur “Look!” und zeigt auf die Rasenmäher-Stelle: Ein großer, kugelrunder Kopf ist aus dem Grasmeer aufgetaucht und schaut zu uns herüber. Wir starren zurück und vergessen zu fotografieren.

Zwölf, höchstens 15 Meter sind wir voneinander entfernt, nur durch ein bisschen Wasser voneinander getrennt. Die Präsenz dieses Grizzlybären, “a female”, flüstert Marg, jagt uns eine Gänsehaut über den Rücken. Die Welt um uns herum fällt zurück, wir sehen nur noch diesen massiven Kopf mit dem brauen Wuschelfell und den kohlschwarzen Augen, und für einen langen, köstlichen Moment begegnen sich unsere Blicke. Dann taucht der Kopf wieder unter, und das Rupfen und Rascheln nimmt seinen Fortgang.

Grizzly-Bären beobachten in Kanada – zu Besuch in der Great Bear Lodge Vancouver Island 1

Grizzly-Mama mit Nachwuchs: Für dieses Bild musste ich warten, bis alle aus dem hohen Gras herauskamen. Eine ganz schöne Geduldprobe!

 

Great Bear Lodge: Mit Leidenschaft und Pragmatismus

Die Grizzlies im Smith Inlet, wir sollen das hier noch öfter erleben, nehmen keinen Reißaus vor dem Menschen. Wir sind gewissermaßen “Teil des Inventars” und damit weder Gefahr noch Beute. Dass dies so ist, ist das vielleicht schönste Resultat des jahrelangen respektvollen Beobachtungsverhaltens von Marg und Tom. Indem die beiden stets die gleichen Stellen im Inlet besuchten und sich dabei stets gleich verhielten, wurden sie für die Grizzlies vorhersagbar und fester Bestandteil ihres Lebensraumes. Doch wie lange noch?

Der von der Great Bear Lodge genutzte Abschnitt des Smith Inlet ist kein durchgehend geschütztes Gebiet, sondern ein Patchwork unterschiedlicher Landnutzungskategorien. Manche Abschnitte sind permanent geschützt, manche dagegen nur vorübergehend und andere überhaupt nicht. Ein Forstwirtschaftsunternehmen besitzt einen Pachtvertrag über bestimmte Berghänge und kann jederzeit mit schwerem Gerät anrücken.

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Great Bear Lodge: Paradiesisches Wohlfühlbiotop mit fantastischer Küche, netten Guides und toller Gastgeberin.

 

Und dann gibt es noch die bislang ungeklärten Landforderungen der kanadischen Indianer, der First Nations. Marg und Tom begegnen all´ diesen Unwägbarkeiten mit einer Mischung aus Leidenschaft und Pragmatismus, die typisch ist für die auf kommerzielle Bärenbeobachtung und nachhaltigen Tourismus spezialisierten Anbieter hier.

“Wer an dieser Küste im Tourismus arbeitet, wird nicht reich”, sagt Tom. “Die Ungewissheit hat viele Tourismusunternehmen abgeschreckt. Nur diejenigen halten durch, für die Profit nicht der Hauptantrieb ihres Geschäfts ist. Marg und ich tun dies für die Bären, für unsere Gäste und für unsere Heimatgemeinden. Trust me, es gibt einfachere Möglichkeiten, Geld zu verdienen!” Und Marg erzählt, wie sie alle Baumfäller hasste, als sie nach Port Hardy kam. “Aber wenn Du hier alle Baumfäller hasst, dann bist Du sehr einsam und bekommst auch keinen Kontakt zur Community.”

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Alles an Bord: Jeden Tag ging es vormittags und nachmittags hinaus in den Smith Inlet. Ende offen – Wenn die Grizzlies kooperierten, blieben wir auch schon mal länger draußen ..

 

Heute unterhalten Tom und Marg Beziehungen sowohl zur Forstindustrie als auch zu den First Nations. “Unsere Freunde stammen aus Familien, die seit vier Generationen Bäume gefällt haben”, berichtet Marg. “Jetzt arbeiten viele im Tourismus und für Umweltschutzvereine.

Wir sehen das als Teil der Evolution dieser Küste. Reiseanbieter wie wir zeigen, dass diese Küste auch anders genutzt werden kann. Wir schaffen Arbeitsplätze und erzeugen Einkommen, ohne etwas wegzunehmen. Wir arbeiten nachhaltig. Vereinfacht gesagt, geht unsere Philosophie so: Je länger wir hier sind, desto mehr wird die Regierung Notiz von uns nehmen und uns in ihre Entscheidungsprozesse einbinden.”

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Wer macht denn da so einen Lärm? Als ich versehentlich gegen das Ruder auf dem Aluboden unseres Bootes stieß, gab es ein lautes Klong-Klong. Verdutzt steckten diese beiden die Köpfe über die Grasdecke, um zu sehen, was es gab .. 🙂

 

Langsam bewegt sich die Bärin Richtung Priel. “Let´s go”, flüstert Marg. Lautlos driften wir dorthin und bringen uns, in respektvollem Abstand natürlich, in Stellung. Und wirklich: Nach gut zehn Minuten verlässt die Bärin das hohe Gras und tritt hinaus auf den Uferstreifen. Jetzt sehen wir sie in voller Größe. Und wieder fühlen wir sie, die magnetische Präsenz dieses mächtigen Tieres, das wir jetzt sogar leise brummen und schmatzen hören.

Sie weiß, dass wir da sind, doch sie würdigt uns keines Blickes. Nur hin und wieder hält sie inne und schaut über die Schulter, so als ob sie auf jemanden warte. Als sich das Gras auf der Böschung über ihr bewegt, lächelt Marg: “Darf ich vorstellen: der Nachwuchs!” Und wirklich, ein paar Minuten später taucht erst ein hellbrauner Kopf auf, dann ein zweiter. Der seiner Mutter nähere Junior stellt sich auf die Hinterbeine und nimmt uns in Augenschein. Das bemerkt auch die Mutter. Sie hört auf zu fressen und beobachtet die Szene aufmerksam. Eine Weile mustern mich vier schwarze Augen. Als der Kleine das Interesse an uns verliert und sich ins Gras zurückfallen lässt, frisst auch seine Mutter weiter.

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Wir hatten nie das Gefühl, „nur“ Gäste zu sein. Thanks Marg, for your hospitality and friendship, and for sharing your love and knowledge of the Great Bears in Smith Inlet!

Weitere Informationen zur Great Bear Lodge

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