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Change Islands, Newfoundland: Netta´s Newfoundland Pony Refuge

Manche Geschichten kommen per Zufall zustande. Auf Fogo Island hörte ich zum ersten Mal die traurige Geschichte vom Newfoundland Pony. Es sei eine eigenständige Pferderasse und nun fast ausgerottet. Aber nur fast. Auf der Nachbarinsel Change Islands habe eine resolute Frau ein Zuchtprogramm gestartet, das helfe, diese Pferdchen zurückzubringen.

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Netta LeDrew und Strawberry: Nettas Newfoundland Pony Refuge liegt nur einen Steinwurf vom Besucherzentrum entfernt.

Eine energische Lady und eine bedrohte Pferdeart, und das auf einer entlegenen Insel am äußersten Rand Kanadas: Das klang zu gut, um einfach geradewegs nach Hause zu fahren. Spontan änderte ich meine Reisepläne und beschloss, auf dem Rückweg von Fogo Island zum Festland einen Zwischenstopp auf Change einzuschieben. Die Autofähre kam ja ohnehin dort vorbei.

 

Zeit, mich vorher schlauzumachen, hatte ich auf der “MV Captain Earl W. Winsor”. So heißt die für ihre Unzuverlässigkeit berüchtigte Autofähre. So mies ist ihr Ruf, dass Beulah Oakes, die resolute Besitzerin des Seven Oakes Island Inn und meine Gastgeberin auf Change Islands, am Morgen meiner Heimfahrt das Fährbüro im 10-Minuten-Takt terrorisierte, um ja sicherzustellen, dass die Fähre nicht ohne mich ablegte .. 🙂

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Change Islands: Eine echte Outport-Gemeinde mit einer Brücke zwischen zwei der drei Inseln.

Aber zurück zu den Ponys. Im Netz gab es nur ein paar dürre Infos. Demnach war das Newfoundland Pony über 400 Jahre lang das Arbeitstier der Newfoundlander. Es schleppte das Brennholz aus den Wäldern und das Erz aus den Bergwerken, es schaffte den als Dünger benutzten Seetang in die Gärten, und es zog die mit Kapelins gefüllten Netze aus dem Atlantik. In seinen Adern floss das Blut wenigstens sechs englischer Ponyarten, darunter das Dartmoor und das Connemara Pony. Das Newfoundland Pony galt als fügsam und kinderfreundlich, seine Farbe changierte von Schwarz über Braun und Haselnuss nach Grau. Typische Merkmale seien dunkle Beine und Mähne, ein langer Schweif und kleine, pelzige Ohren. In den 1930er Jahren habe es knapp 10000 dieser Pferde in Newfoundland gegeben. Während der nächsten Jahrzehnte machten Maschinen sie jedoch obsolet. Ihr Unterhalt wurde zu teuer, sie fanden ihr Ende im Schlachthaus. Ende der 1990er Jahre gab es weltweit nur noch 200 Newfoundland Ponys.

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Newfoundland Ponys: Eine eigene, aus wenigstens sechs englischen Pony-Arten hervorgegangene Rasse.

“They built Newfoundland”, bestätigt Netta LeDrew, als ich sie an der Koppel ihres Change Islands Newfoundland Pony Refuge treffe. Change Islands besteht aus drei Inselchen gleichen Namens. Zwei davon sind bewohnt und durch eine Brücke miteinander verbunden. Niedriger Wald mit viel Sumpf und dichtem Gestrüpp bestimmen das Bild, und viel, viel nackter Fels. Knapp 300 Menschen leben hier, die meisten davon beiderseits der Brücke. Bunte Holzhäuser auf steinigen Klippen, ein kabbeliger Nordatlantik und eine Durchgangsstraße von Süden nach Norden, das war es auch schon: Wer ein Stück klassisches Neufundland sucht, ist hier richtig. Man quartiert sich in einem der drei oder vier netten B&Bs ein und verbringt ein paar Tage beim Hiking mit Blick auf die benachbarten Insel New World Island und Fogo Island, schaut sich das sympathische Sammelsurium im Olde Shoppe Museum, zählt die Fischkutter und trinkt mit den netten Damen im Besucherzentrum Kaffee. Ich hatte Glück. Als ich vorbeikam, packten die beiden gerade einen frischgebackenen Apfelkuchen aus .. 🙂

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Change Islands. Auf Change ist der Atlantik immer und überall zu sehen.

Das Leben in den neufundländischen Outports war nie leicht. Der harte Alltag steht auch Netta im Gesicht geschrieben. Ihr Mann ist Fischer, geht auf Krabben, Kabeljau und Kapelin und hilft aus, wenn er nicht ausläuft. Sie selbst nimmt auf Change jeden Job an, der sich gerade anbietet. Das Pony Refuge rentabel zu machen, ist ihr Traum. Seit 2005 arbeitet sie daran, “got involved”, wie sie sagt, und hofft, irgendwann davon leben zu können. “Die Motorschlitten kamen, die Gesetze, die das freie Grasen der Ponys untersagten, die Fleischtransporter. Es war schrecklich. Wir hätten sie fast verloren.” Mit einer Partnerin startete Netta ein Zuchtprogramm. Bis 2011 kamen neun Fohlen im Refuge zur Welt, dann wurde es in den alten Schuppen zu eng. “Sobald meine neue Scheune bezugsfertig ist, mache ich mit der Zucht weiter”, sagt sie und lächelt. “Darauf freue ich mich.”

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Change Island: Häuser stehen überall dort, wo das Terrain eben ist und die Felsen Schutz vor dem Wind bieten.

Die Ponys kennen Netta. Eines baut sich so lange vor ihr auf, bis es den von Netta anscheinend gewohnten Klaps bekommt. Ein anderes, es ist die 2006 geborene Lilly, kneift ihr spielerisch ins Ohr und springt davon. Netta sagt ungerührt “Autsch” und erzählt weiter. Vom Leben auf Change, von der neuen Scheune, die schon steht und in der sie ein kleines Büro bekommen soll, und von ihrer Hoffnung, dass das alles gut geht, damit sie auf Change bleiben kann und nicht anderswo nach Arbeit suchen muss. Wie viele Newfoundland Ponys es heute gibt, weiß sie nicht genau. 400, schätzt sie und ermahnt sich, das genauer herauszubekommen. “Die Zahlen zeigen jedenfalls nach oben, das ist schon mal gut.” Ein paar Teenager aus dem Dorf kommen vorbei und machen Fotos mit ihren Handys. Netta stellt die Eimer ab, erklärt, zeigt und stellt ihren Besuchern Lilly, Charme, Jigger und die schneeweiße Strawberry vor. “I love what I´m doing”, lächelt sie wieder und erhält prompt einen derben Schubser von Strawberry. “Aber 400 sind nicht genug. Vor uns liegt noch ein langer Weg.”

 

Mehr Informationen über Change Islands und das Change Islands Newfoundland Pony Refuge findet Ihr hier:

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