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Mennoniten in Kanada: Telefon im Kuhstall, Pieper im Gürtel

Ein paar Minuten nördlich von Kitchener-Waterloo (Ontario) liegt St. Jacobs, ein Zentrum der Alt-Mennoniten in Kanada. Ihr Alltag zwischen der Moderne und dem schlichten Leben auf der Farm führt gelegentlich zu bemerkenswerten Kompromissen.

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Mennonite Country, Ontario: Fahren mit dem Segen von oben

Gute Quilts erkenne man an der Zahl der Stiche. Sieben Stiche pro Inch, sagt die alte Dame, weisen gute Qualität aus, noch mehr machen die kunstvoll genähten Decken zu den Luxusschlitten der Quilt-Szene, und sie gehen nicht für unter 800 Dollar weg. Soeben hat wieder eine den Besitzer gewechselt, für satte 1400 Dollar. Die “Ontario Mennonite Relief Sale and Quilt Auction” in New Hamburg ist in vollem Gange. Die alte Dame, Buchhalterin des Auktionators, rückt ihre Haube zurecht und macht ein Kreuz in ihre Inventarliste.

Begegnungen im Mennonite Country

Alt-Mennonit Enos Martin baut in seiner Werkstatt bei St. Jacobs die schwarzen Pferdedroschken, das weithin bekannte Erkennungsmerkmal der Alt-Mennoniten. 30 Droschken baut er pro Jahr, das Stück zwischen 2500 und 3000 Dollar. Jede Familie hat drei, eine robuste für den Alltag, eine feine für den Sonntag und ein “Dachwägele” für Ausfahrten bei schlechtem Wetter.

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Mennonite Country, Ontario: Die berühmten Pferdedroschken heissen auf pensilfaanisch „Dachwägele“

Old Order vs. moderner Alltag

Die Glaubensgemeinschaft der Mennoniten wurde im frühen 16. Jahrhundert von Menno Simons, einem norddeutschen Führer der Wiedertäuferbewegung, gegründet. Unter dem Druck brutaler Verfolgung durch die Gegenreformation wanderten viele Mennoniten im 17. Jahrhundert nach Amerika aus. Die meisten der heute rund 30 000 Mennoniten Ontarios gehören liberaleren Gruppen an als Enos. Allen Gruppen gemeinsam ist lediglich die Erwachsenentaufe und die Ablehnung des Wehrdienstes. Enos´ Gruppe ist in Ontario als “Older Order Mennonites” bekannt. Dieser konservativste Zweig steht den Amischen von Pennsylvania nahe und lehnt technische Errungenschaften wie Autos, Telefon und Elektrizität ab. Die Männer tragen schlichtes Schwarz und bei der Arbeit draußen gelbe Strohhüte, die Frauen weite, altmodische Kleider und blaue Hauben. Die Kinder lernen Englisch erst in der Schule. Der Alltag ist von tätiger Nächstenliebe geprägt: Man hilft einander bei der Feldarbeit, der Bau einer Scheune ist die Aufgabe aller und zugleich Anlass für Picknicks im Grünen.

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Mennonite Country, Ontario: Hausgemachtes am Stand neben der Zufahrt

Pragmatische Fundamentalisten

Mit dem Tourismus scheint die Gegenwart über diesen sanften Fundamentalisten zusammengeschlagen zu sein. So mancher sieht die Tage dieser noch immer im 19. Jahrhundert lebenden Gemeinschaft gezählt. Reverend Dan Nighswander gehört allerdings nicht dazu. “Die Alt-Mennoniten wird es noch lange geben, auch wenn viele der Jungen inzwischen eigene Wege gehen.” Nighswander selbst verließ mit 15 Jahren seine altmennonitische Gemeinschaft, um sich einer liberaleren anzuschließen. Leicht war das nicht. “Meine Familie mochte das ganz und gar nicht. Aber letztlich blieb ihr nichts anderes übrig, als ihren Segen zu geben. Ich wollte einfach mehr vom Leben.”

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Mennonite Country, Ontario: Das Besucherzentrum „Mennonite Story“ in St. Jacobs informiert über die lange Geschichte der Glaubensgemeinschaft

Zugeständnisse habe man übrigens schon damals, vor nunmehr 40 Jahren, machen müssen. “Mit Erlaubnis der Ältesten hatten wir zwar ein Auto, mussten es aber schwarz lackieren, sogar die Stoßstange, weil alles unanständig glitzerte.” Die Gretchenfrage ist die nach der Zukunft der Alt-Mennoniten. Nighswander sagt: “Auch sie haben erkannt, dass sie sich nicht ewig vor der Außenwelt verschließen können. Deshalb machen auch sie Zugeständnisse – allerdings nur in kleinen Dosen.” Wie das aussieht? Nighswander schmunzelt. “Das Telefon haben sie beispielsweise erlaubt. Allerdings darf es in den meisten Haushalten nur im Kuhstall installiert werden.” Und wie hören sie dann im Haus, wenn es klingelt? Ganz einfach! “Sie haben einen Pieper am Gürtel!”

 

Nachtrag:

Dieser Tage (Anfang 2013) erlebt die Old Order Mennonite Conference in Ontario eine Gewichtsverschiebung. Vielen Familien lehnen die Erlaubnis von Elektrizität und Telefon ab und verlassen deshalb ihre Gemeinden rund um St. Jacobs. Viele lassen sich sich im Bruce County (Ontario) und in Desbarats bei Sault Ste. Marie nieder.

Weitere Informationen zu den Mennoniten in Kanada findet Ihr hier:

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1 Comment

  • Reply
    MONIKA REGALI
    8. Oktober 2014 at 9:08

    St. Jacobs gefällt mir persönlich sehr sehr gut. Bei jedem Besuch in Kanada fahren wir mehrmals da hin. Ich liebe diese Leute und ihre Mentalität. Und der Farmers Market ist immer ein Erlebnis für mich.

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