Kanadas Westen

Immer höher, immer tiefer: Muss Mutter Natur wirklich animiert werden?

Noch so ein “Erlebnisspaziergang” durch die kanadische Wildnis? Irgendwann, so sollte man meinen, ist es doch gut gewesen mit diesen Skywalks und Baumgipfeltouren zu immer geileren Aussichten. Oder?

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Muss einfach: Der Fototermin am Cliffwalk

Man ahnt es schon: Ich bin kein Freund solcher Anlagen. Ich finde, Mutter Natur muss nicht auf Teufel komm heraus animiert werden. Deshalb habe ich auch um den Capilano Suspension Bridge Park in North Vancouver lange einen Bogen gemacht. Das ist zwar unfair, schließlich war die berühmte Hängebrücke schon lange vor meiner Geburt – und der heute grassierenden Erlebnismaximierungsseuche – da und erfolgreich. Doch wenn man mal in Vancouver ein, zwei Tage übrig hat und deshalb in den Broschüren blättert, dann begegnet man dem Park auf der anderen Seite des Burrard Inlet zwangsläufig. Denn Capilano gehört zu Vancouver wie Stanley Park und Robson Street.

Capilano Suspension Bridge Park: Keine Langeweile im Regenwald

Langer Rede kurzer Sinn: Einmal da, habe ich meinen Frieden mit dieser Art Entertainment gemacht. Ich habe mich sogar bestens unterhalten. Langeweile kam nicht auf. Die berühmte, 137 m lange Hängebrücke über den Capilano River: Check. Treetops Adventure, die sieben schmalen Hängebrücken, die zwischen bis zu 250 Jahren alten Douglasien 30 m über dem Waldboden hängen: Check, Check. Und dann der Cliffwalk, die neueste Capilano-Attraktion, vor ein paar Jahren erst eröffnet, um beim Besucher für noch mehr “thrill” zu sorgen.

Ich gestehe: Ich bin den 230 m langen und gerade mal 50 cm breiten Cliffwalk ein paar Mal hin und her gelaufen. Ich war beeindruckt. Wie man ihn in die Vertikale der Granitwände gebaut hat und einmal sogar in neun Meter weitem Bogen freischwebend vor diesen entlang führt, das ist schon klasse. Und das alles 70 m über dem Capilano River! Wer Probleme mit Höhen und Tiefen hat, sollte oben an der Kante bleiben und die Aussicht auf den Regenwald von dort aus genießen.

Sky-, Treetop- und andere Walks

Ich habe in Capilano also meinen Frieden mit diesen “Erlebnisspaziergängen” gemacht. Nicht nur, weil der Cliffwalk einfach gut war. Großstadtkinder wandern im Capilano Park mit großen Augen im Schatten uralter Zedern und Hemlocktannen, Eltern lesen ihnen die Schilder zu Themen wie “Regenwald” und “Nachhaltigkeit” vor. Wenn all´ die Eindrücke und Infos dauerhaft auch nur in einem von zehn Kindern hängen bleiben, hat der Park seinen offiziellen, nämlich pädagogischen, Auftrag erfüllt.

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Lieber beide Hände: Da bleibt das Handy in der Tasche

 

Ich sehe ich den Nutzwert dieser Einrichtungen aber auch andersherum. Für viele Besucher ist “die Wildnis” nämlich schon erreicht, sobald eine Nationalparkgrenze überquert ist. Mit dem Ticket für die Gondel auf den Berg oder den Skywalk mit dem gläsernen Boden wird der Bedarf nach noch mehr “mitten-drin-sein” und Abenteuer gedeckt: Man betrachtet die Wildnis von einem sicheren Ort aus, macht tolle Fotos und hat nachher etwas zu erzählen.

Skywalks & Co. als Blitzableiter?

Und das ist, finde ich, auch völlig ok so. Nicht jeder ist ein kerniger Entdeckertyp, und nicht jeder kann mehr als zwei Kilometer am Stück laufen. Den Effekt einer einzigen, übergroßen Attraktion auf die übrigen Sehenswürdigkeiten eines Nationalparks habe ich einmal im kalifornischen Yosemite National Park erlebt. Dort bleiben über 90 Prozent der Besucher im Yosemite Valley. Nur schlappe 10 Prozent schaffen es in´s wilde Hinterland – auf guten Straßen die allermeisten, nur eine winzige Minderheit geht wirklich wandern. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Banff National Park. Lake Louise sehen und sterben und in Banff shoppen: Die große Mehrheit der Besucher war damit gefühlt im Nationalpark.

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Munter voran, bis zum nächsten „Stau“ .. 🙂

 

Nicht auszudenken also, wenn auch die 90 Prozent den Weg auf die Trails im Backcountry fänden.“Erlebnisspaziergänge” wie der Cliffwalk im Capilano Suspension Bridge Park und der Glacier Skywalk im Jasper National Park funktionieren wie Blitzableiter: Indem sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, lenken sie von der – in der Regel bedrohten – Wildnis im Hinterland ab und verhindern so, dass noch mehr Menschen losziehen, um dort die “wahre Wildnis” zu erleben.

Jedenfalls möchte ich das glauben. Oder bin ich zu naiv?

 

Mehr Infos zum Capilano Suspension Bridge Park und anderen Erlebnisspaziergängen findet Ihr hier:

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