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Grasslands National Park: Wandern durch ein Meer aus Gras

Der Trans Canada Highway gibt uns einen ersten Vorgeschmack. So leer und schnurgerade strebt er nach Westen, dass ich die Hände eine knappe Stunde lang vom Steuer nehmen könnte.

Der Blick irrlichtert über kniehohes, sich im Wind wiegendes Gras und verfängt sich erst am Horizont. Oder, wie hier, an der untergehenden Sonne .. | Foto: Destination Canada

Saskatchewan, wie gemacht für starke Roadtrips

Einen Hund, der von zu Hause wegläuft, sieht man noch drei Tage lang vom Küchenfenster aus. So beschreiben die Rancher dieses Land. Für uns Stadtmenschen klingt das wie Musik. Doch als wir die Piste verlassen und, Zelt und Verpflegung huckepack, Richtung Endlosigkeit stapfen, ist zunächst einmal alles anders. Nach 100 Metern schon mischt sich Beklommenheit in die Euphorie. Kein Baum wächst hier, kein Strohhalm, an dem sich das Auge festhalten könnte. Der Blick irrlichtert über kniehohes Gras und verfängt sich erst am Horizont. Der beginnt in zehn Kilometer Entfernung. Oder in hundert, so genau ist das nicht zu erkennen. Wir drehen uns nach dem Wagen um, öfter als nötig. Ja doch, er steht immer noch da, wo wir ihn geparkt haben. Brav hat er uns hierher in den Grasslands National Park getragen, von Regina aus, der Hauptstadt von Saskatchewan. Etwas über eine Million Menschen leben in der 650 000 Quadratkilometer großen Provinz, das macht zwangsläufig die meisten Highwaykilometer pro Kopf der Bevölkerung in Nordamerika. Reisende auf der Suche nach Bergen und Grizzly-Bären törnt die Leere ab. Für Jäger unbekannter Destinationen wie uns ist es eine Glücksformel. Apropos Straßenglück: Schickt Eure schönste Road-Trip-Geschichte JETZT an Mietwagencheck! Das Gewinnspiel des Mietwagenportal läuft bis Ende April 2017. Die besten Road-Trip-Geschichten werden mit tollen Preisen bis zu 500 Euro belohnt! Schaut mal vorbei. Reingucken kostet nix .. 🙂

On the road in Saskatchewan: Mit diesem Gegenverkehr kann man leben, oder? | Foto: Destination Canada

Keine Raser, keine Sonntagsfahrer: Fahren wie Gott in Saskatchewan

Der Trans Canada Highway gibt uns einen ersten Vorgeschmack. Von Regina strebt er so gerade nach Westen, dass ich die Hände eine knappe Stunde lang vom Steuer nehmen könnte. Keine Raser im Rückspiegel, keine Sonntagsfahrer vor der Haube. Ich lehne mich zurück und genieße die leere Straße. Am Horizont: der weite Himmel, „the big sky“, und, jawohl, die Erdkrümmung. Wahnsinn. Irgendwann biegen wir nach Süden ab, und irgendwann sind wir da. Und jetzt, wo wir im Grasslands National Park sind, wird auch die – gefühlt – allerletzte Verbindung zur Zivilisation mit jedem Schritt kleiner. Als unser Mietwagen dann endgültig im Gras verschwindet, bedarf es, ich übertreibe jetzt nicht, eines mentalen Kraftakts, um zu genießen, anstatt in Panik zu geraten.

Der 450 Quadratkilometer große Grasslands National Park schützt das letzte Stück unberührter Prärie in Nordamerika. Er besteht aus zwei räumlich voneinander getrennten Teilen. Der West Block ist überwiegend mesaähnliches Hochland, das vom Frenchman River Valley bis zu 200 Meter tief durchschnitten wird. Die Gletscher der letzten Eiszeit haben hier eine Landschaft aus sanften Hügeln und grasbedeckten Tälern, den „coulées“, hinterlassen. Der East Block mit den Killdeer Badlands ist rauer. Seine Buttes, Hoodoos und erodierten Sandsteinformationen stammen ebenfalls aus der letzten Eiszeit.

Der Grasslands National Park wurde 1989 gegründet, um einen der letzten Flecken unberührter Prärie zu schützen | Foto: Destination Canada

Grasslands National Park: Paradies abseits der Touristenpfade

Die sichtbarsten tierischen Anlieger sind Goldadler, Füchse, Koyoten, Präriehunde und Pronghorn-Antilopen. Große ovale Mulden allerorten erinnern an die einst zu Millionen durchziehenden Büffel: In den so genannten „buffalos wallows“ fläzten sich die Fleischberge zwecks Körperpflege, an blank gescheuerten Felsbrocken, den „rubbing stones“, massierten sie die müden Flanken. Auch die sie jagten, haben steinerne Zeugnisse hinterlassen: Vorzugsweise auf Kuppen mit Rundumblick legten prähistorische Jäger ihre manchmal riesigen „medicine wheels“ an, zu Kreisen angeordnete Steinreihen für rituelle Zwecke.
Der Nationalpark Grasslands wurde 1989 gegründet und 2001 offiziell in die Parks-Canada-Familie aufgenommen. Der damals erwartete Besucheransturm blieb jedoch aus. Ganze 7000 Besucher pro Jahr registriert die im 140-Seelen-Nest Val-Marie am Rand des West Block angesiedelte Parkverwaltung. Verantwortlich dafür ist die isolierte Lage in der untouristischen Mitte Kanadas. Nach Calgary, dem nächsten internationalen Gateway, sind es 700 Kilometer durch flaches Farm- und Ackerland. Nach Regina sind es 300. Damit liegt der Park – milde ausgedrückt – abseits der Touristenströme. So durfte Val-Marie bleiben, wie es war: ein verlorener Ort, wo die Menschen noch immer mehr für ihren Truck zahlen als für ihr Haus.

Zu Fuß in den Grasslands: Gespräche verstummen angesichts von soviel Vakuum | Foto: Destination Canada

Wilde Tiere, die einem neugierig folgen

Ein anderer Grund ist die große Leere. Nur wenige können sich mit ihr anfreunden. Die Prärie ist überwältigend in ihrer Einsamkeit. Eine Ahnung davon bekommen wir, als wir mit dem Auto von Val-Marie aus auf der einzigen Piste des Parks tief in das Frenchman River Valley fahren. Gespräche verstummen angesichts von so viel Vakuum. Beschilderte Wanderwege, sonst verlässliche Nabelschnüre zwischen Zivilisation und Wildnis, gibt es kaum. Was die Parkverwaltung Trails nennt, liest sich in der Wegbeschreibung so: „Parken Sie 2,8 km nach dem Parkeingang. Steigen Sie in südöstlicher Richtung die enge Falte hinab, die in das Timmons Coulée führt .. Von hier aus folgen Sie am besten den Trails, die Hochwild und Antilopen hinterlassen haben. Im Norden sehen Sie bald eine U-förmige Ausbuchtung im Hang. Dies ist der Weg in das Police Coulée ..“

Zuerst schlagen wir unser Zelt auf. Mindestens einen Kilometer von der Piste entfernt soll es stehen, bittet die Verwaltung. Eine Antilope schaut zu, wie wir uns häuslich niederlassen, bald darauf noch eine und noch eine. Unseren Aufbruch zum Frenchman River Valley verfolgt ein ganzes Rudel. Als wir die sofakissenähnlichen Hänge ins Timmons Coulée hinabklettern, folgt es uns oben auf der Ebene. Dies bleibt nicht die einzige Begegnung. Im Police Coulée, wo wir einem mäandernden Creek nach Norden folgen, schrecken wir einen Pronghorn-Bock auf, der zwei Meter von uns entfernt im hohen Ufergras gedöst hatte.

Wandern durch ein Meer aus Gras. Am nächsten Morgen wollen die Antilopen wissen, wie wir geschlafen haben .. 🙂 | Foto: Destination Canada

Ein Meer aus Gras, so weit das Auge reicht

Auf der gegenüberliegenden Seite des Coulée kraxeln wir einen erodierten Hang zur Mesa hinauf. Einen Trail oder zumindest Spuren anderer Hiker gibt es nicht. Der Blick ist überwältigend. Der Himmel ist endlos, wir sind winzig klein. Im Westen ragt 70 Mile Butte auf, ein alle anderen überragender Tafelberg. Der einzige Blickfang im Osten ist ein von dunkelgrüner Vegetation umzingeltes Wasserloch. So flach und weit ist das Land von hier oben, dass wir uns wie Ausrufezeichen fühlen, die diese Flachheit noch hervorheben. Auch die französischen Reisenden, die im 18. Jahrhundert die ersten Weißen vor Ort waren, hatten so etwas noch nie gesehen. Sie nannten die Prärie ein „Meer aus Gras“. Früher prägte es das Herzland des Kontinents, reichte von Nord-Alberta bis nach Texas. Geblieben sind winzige Grasland-Inseln. Und der Grasslands National Park, der die Prärie noch so zeigt, wie sie die von Sitting Bull geführten Sioux sahen, als sie unweit von hier nach Schlacht am Little Big Horn die Grenze überschritten, um Schutz in Kanada zu suchen. Später marschieren wir den Timbergulch Coulée hinab zum Frenchman River Valley, alten Wildtiertrails folgend. Dort empfangen uns Präriehunde mit einem schrillen Pfeifkonzert, als wir mitten durch ihre Kolonie, ein fußballfeldgroßes, von ihren halbmeterhohen Burgen übersätes Areal, wandern. Inzwischen haben wir zwölf Kilometer in den Knochen. Für den Rückweg zum Zelt nehmen wir die Piste, die freundlicherweise bei den Präriehunden vorbeikurvt. Die Nacht ist klar. Der Sternenhimmel spannt sich bis zum Horizont. Am nächsten Morgen haben wir wieder Gesellschaft. Die Antilopen wollen wissen, wie wir geschlafen haben.

 

Mehr über den Grasslands National Park und Saskatchewan erfahrt Ihr hier

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