Kanadas Westen

Die Züge nach Westen: Mit Canadian und Skeena zum Pazifik

Wenn Du Zeit hast, nimm den Zug, heißt es in Kanada. An Bord von Canadian und Skeena Express habe ich gelernt, was genau das bedeutet.

©VIA Rail

Der Canadian macht´s spannend

Meine Reise mit dem berühmten Canadian und seinem weniger bekannten Vetter, dem Skeena, beginnt abends zuvor mit einer Email von VIA Rail. VIA Rail ist Kanadas staatliche Eisenbahngesellschaft für den Personenverkehr. Ich erhalte die Mail als Besitzer einer VIA-Fahrkarte für die dreitägige Fahrt von Edmonton (mit Hotelübernachtungen in Jasper und Prince George) nach dem 1500 Kilometer entfernten Prince Rupert am Pazifik. In der Mail heißt es, der am Vortag von Toronto aus nach Vancouver aufgebrochene Train No. 1 (der berühmte Canadian in VIA-Sprech) habe zwei Stunden Verspätung. Und auch, dass man wissen sollte, dass ein verspäteter Zug verlorene Zeit durchaus wieder gutmachen könne. Ich finde das ziemlich kryptisch und rufe deshalb noch vor dem Zubettgehen die beigefügte Nummer des Customer Centre an. Dort informiert mich ein freundlicher VIA-Mann, dass No. 1 zwischenzeitlich tatsächlich aufgeholt habe und morgen in der Frühe fahrplanmäßig um 7.37 Uhr in Edmonton eintreffen werde. Beruhigt ziehe ich die Decke über den Kopf, und schon bald fließen Canadian und Skeena in meinen Träumen mit Zuglegenden wie dem Orientexpress zu einem Superzug zusammen, der mich bei Brandy und gepflegter Konversation sanft durch eine erhabene, Kanada genannte Endlosigkeit schaukelt ..

@Destination Canada

Der Canadian: Kein großer Bahnhof für No. 1

Doch ganz so glamourös wird diese Reise nicht. Zunächst fragt die Rezeption beim Auschecken verwundert, warum ich nicht den Shuttleservice nach Jasper nehme. Dann muss der Taxifahrer erst einmal das GPS konsultieren, um den Bahnhof zu finden. Es stellt sich heraus, dass dieser in das industrielle Niemandsland am Rand der Millionenstadt ungezogen ist. Dort bereitet Albertas Hauptstadt dem berühmtesten Zug des Landes keineswegs den großen Bahnhof, den man erwarten könnte. Ein mickriger Pavillon steht da allein auf weiter Flur, VIA teilt ihn sich mit Greyhound, und drinnen teilen sich beider Gäste einen kleinen Wartesaal mit blauem Kunststoffgestühl in zehn Sechserreihen. Die Stimmung indes ist ausgezeichnet. “Welcome, Sir”, strahlt der kugelrunde Beamte am VIA-Schalter. Er bietet mir Kaffee und Plätzchen an und bedauert auch gleich, dass No.1 nun doch zwei Stunden Verspätung hat. Mindestens. “80 Prozent der Bahnlinien in Kanada sind eingleisig”, beantwortet er auch gleich die nächstliegende Frage. “Die Ausweichgleise sind zu kurz für die über vier Kilometer langen Güterzüge.”

@Destination Canada

Der Canadian: In Deutschland? Nie und nimmer ..

In der Regel sei es dann der VIA-Zug, der von Radio Track Control auf das nächstliegende Ausweichgleis geordert würde. “Dort müssen wir dann oft stundenlang warten, weil die Güterzüge schrecklich langsam und oft auch noch weit weg sind”, seufzt der VIA-Mann. Ich blicke in die Runde. Nicht das leiseste Anzeichen von Aufstand ob dieser erschütternden News. Kein böses Wort. Nicht ein Einziges. Man liest, döst, trinkt Kaffee und unterhält sich. Geradezu idyllisch geht es zu. Als es in die Verspätung geht, zieht der Juniorkollege des Runden auch noch eine Gitarre hervor und klampft Lagerfeuerklassiker. “Unsere Gäste sind verständnisvoll”, kommentiert der junge Mann, “da geben wir gern etwas zurück.” Ich versuche vergebens, mir das auf deutschen Bahnhöfen vorzustellen. Warum sie den Zug nach Jasper nehmen und nicht das Auto, frage ich nun meinerseits die Wartenden, ganz normale Kanadier allesamt. Weil Zugfahren einfach schöner ist, lautet die Erklärung unisono, und man mehr sieht. Und die Verspätungen? Allgemeines Achselzucken. Am Ende kommen wir doch an, oder?

©VIA Rail

Der Canadian: als nationaler Mythos verehrt. Das erklärt so manches ..

Als der Canadian um zehn Uhr endlich einläuft und groß und silbern den VIA-Pavillon überragt, ahne ich es: Ab sofort bin ich in einer anderen Eisenbahnkultur unterwegs, ist Bahnreisen mehr als bloß ankommen. Porter wuchten Koffer vom Bahnsteig in den Gepäckwagen, uniformierte Car Attendants bauen vor den Türen ihrer glänzenden Edelstahlwaggons Treppchen für die Gäste auf. Lächelnde Menschen umarmen sich, Kinder winken, ich auch. Es herrscht heitere Aufbruchstimmung, was ich angesichts der vor uns liegenden leeren Weiten auch irgendwie angemessen finde. Die gerippten Silberlinge wurden in den fünfziger Jahren von Canadian Pacific Railway in Dienst gestellt – jener Gesellschaft, die 1885 Kanadas erste transkontinentale Eisenbahnverbindung von Montréal nach Vancouver eröffnete. Der Bau dieser Strecke ist ein nationaler Mythos, vollgepackt mit den heroischen Taten der Ingenieure und Arbeiter, die, das Unmögliche möglich machend, fast 5000 Gleiskilometer durch ein nur lückenhaft bekanntes Land trieben.

©VIA Rail

Der Canadian: Kanadas Bauherr

Wichtiger noch: CPR schweißte das 18 Jahre zuvor gegründete, an geografischer Elefantiasis und mangelndem Wir-Gefühl leidende Kanada zusammen. Und um Kanadas stählernes Korsett rentabel zu machen, beteiligte sich CPR nicht nur an staatlichen Siedungsprogrammen entlang der Bahnlinie, sondern lockte auch Touristen aus Amerika und Europa an, das Motto: Erlebt in Kanada die Schönheit der unberührten Natur! Das war zu dieser Zeit ebenso neu wie schlossähnliche Nobelherbergen in die Wildnis zu setzen. 1888 wurde als Erstes das Banff Springs Hotel in Banff eröffnet, weitere CPR-Hotels (heute Fairmont) in Calgary, Lake Louise, Jasper, Vancouver und Victoria auf Vancouver Island folgten. Und damit nicht genug. Die Mischung aus Zug, Luxushotel und Wildnis erwies sich als das perfekte Urlaubspaket. Angesichts des phänomenalen Erfolges schlug die Bahngesellschaft der Bundesregierung alsdann die Schaffung eines Nationalparksystems in den Rocky Mountains vor – heute die Nationalparks Banff, Jasper, Yoho und Kootenay.

©VIA Rail

French Toast, Ricotta-Käse und frische Erdbeeren

So kam der Tourismus nach Kanada. Heute stehen die legendären CPR-Hotels als kanadische Ikonen auf jeder DoList, und die spektakulären Nationalparks Banff und Jasper sind das erste, was Menschen aus aller Welt zu Kanada einfällt. Sind diese erst einmal “abgehakt”, geht es weiter, im Mietwagen oder Wohnmobil, nach den Badlands östlich von Calgary vielleicht, zu den Wasserfällen im Gray Wells Provincial Park (BC) oder den Weinanbaugebieten im Okanagan Valley. Der Personenverkehr der kanadischen Eisenbahnen erlebte unterdessen einen dramatischen Niedergang. 1978 ging die Personenbeförderung von CPR und Canadian National (CN) deshalb in der staatlichen, stark subventionierten VIA Rail auf. Diese befördert zwar bis zu vier Millionen Passagiere jährlich, doch es ist vor allem der Canadian, dem VIA den guten Ruf verdankt. Dank eines Upgrade zur Sleeper Class komme nun auch ich in den 1-Klasse-Genuss dieser Eisenbahnlegende. “Im Speisewagen wartet unser Brunch auf Sie, Sir”, raunt mir mein Car Attendant diskret zu. Dicke Teppiche in den Fluren dämpfen den Schwellenschlag, an den Waggonenden summt die erst vor ein paar Jahren eingesetzte Elektronik. Im Speisewagen lotst mich der Service Manager, ein schlanker Mensch mit der Abgeklärtheit des altgedienten Eisenbahnmannes, zu einem der weiß gedeckten Vierertische. Dort sitze ich zwei Damen aus England gegenüber, Tante und Nichte und seit Toronto an Bord. Während draußen gesichtsloser Siedlungsbrei in pastorales Alberta übergeht, beriecht man sich. Woher kommt man, warum diese Reise, und dass man sich ja, vorzüglicher French Toast mit Ricotta-Käse und frischen Erdbeeren löst die Zungen, auf solch einer Reise erst wirklich kennenlernt.

©VIA Rail

Da sind sie! Die Rocky Mountains kommen in Sicht ..

Tatsächlich, die Nichte, Kanada ist ja soooo groß und dieser Zug soooo retro, zeigt erste Anzeichen von Hüttenkoller, während die Tante hingebungsvoll vom Himmel über Saskatchewan schwärmt. Der Wabamun Lake gleitet vorbei, “Wabamun” ist Cree für “Spiegel”, informiert sie mich, und ich verabschiede mich von den beiden, um Kanada fortan von der Glaskuppel des Park Car am Zugende zu fotografieren. Mileposts, kleine weiße Schildchen mit schwarzen Zahlen, zählen die seit Edmonton zurückgelegte Entfernung. Am Milepost 150 mache ich am Horizont zum ersten Mal die in der Sonne schimmernden Schneefelder der Rocky Mountains aus. Am Milepost 193 überquert der Canadian den vom Columbia Icefield gespeisten Athabasca River, und bald geht es durch das von steilen Giganten gesäumte Athabasca Valley ins Herz des berühmten Jasper National Park. Für den besseren Rundumblick steige ich hinab in die nach hinten oval geformte Bullet Lounge. Dort knipsen bereits Teenager aus Toronto und New York, cool, guckt mal, da unten steht ein Elch auf der Kiesbank, ein regelrechtes Klack-Klack-Gewitter schlägt mir um die Ohren. Ich denke an Alexander Mackenzie, der hier vorbeikam und 1793 als erster Europäer den Pazifik auf dem Landweg erreichte. Ich reise auf seinen Spuren und fühle mich selbst ein wenig wie ein Entdecker. Als wir, umzingelt von Bergen, Seen und Flüssen, im Resortstädtchen Jasper einlaufen, sehe ich die Nichte den Läden an der Connaught Street entgegeneilen, als wolle sie keine einzige Sekunde des zweistündigen Aufenthaltes versäumen.

Jasper / ©Destination Canada

In Jasper / ©Destination Canada

Der Skeena: So etwas die sibirische Version des Canadian

“Zwei Stunden Verspätung bedeutet hier so viel wie pünktlich”, lächelt Daniel Eggenberger. Ich treffe den Lokführer des Skeena am nächsten Vormittag auf dem Bahnsteig. Auch der Skeena ist etwas später dran. Und wieder regt sich niemand auf, die Ladies auf Betriebsausflug nicht, die jungen Indianer nicht und die drei, vier Pärchen auch nicht. Eggenberger, der vor acht Jahren aus der Schweiz nach Kanada kam und seit knapp zwei Jahren für VIA fährt, hat dafür eine denkbar einfache, für den von Terminen gehetzten Europäer jedoch kaum nachvollziehbare Erklärung. Die Entfernungen seien doch gewaltig, sagt er. Deshalb beklage man sich nicht, wenn jemand ein paar Stunden später kommt. Jeder hier wisse, was das bedeute. Es wisse auch jeder, dass man dort draußen schnell ein ernstes Problem haben könne, falls etwas passiere. “Die Menschen hier verstehen das alles einfach und akzeptieren es. Deshalb sind sie viel entspannter”, sagt Eggenberger. Auch er ist die Ruhe in Person. “Du wirst sehen.”

©VIA Rail

Der Skeena: Wildnis pur und nette Mitreisende

Der Skeena – der offizielle Name lautet Jasper-Prince Rupert Train, ältere Einheimische nennen ihn ironisch The Rupert Rocket, doch für die meisten hier ist er schlicht der Skeena – zieht fünf Waggons, der letzte ist ein Dome Car mit Glaskuppel und Bullet Lounge wie im Canadian. Die Einrichtung ist jedoch einfacher, und statt eines luxuriösen Speisewagens gibt es im Parkcar nur eine kleine Kitchenette mit Sandwiches und Cheeseburger aus der Mikrowelle. Die heutige Etappe soll knapp acht Stunden dauern, wir werden zunächst die Rockies durchqueren und dann ihrer Westseite durch das nur dünn besiedelte Interior Plateau von British Columbia nach Prince George folgen. Tags darauf geht es den Skeena River entlang bis zum Pazifik. Etwas Landwirtschaft liegt vor mir, ansonsten Wildnis pur. Ich mache es mir in der Glaskuppel bequem und lausche den Gesprächen der betriebsreisenden Ladies, während ich fasziniert die Waggons vor mir dabei beobachte, wie sie sich, den Schuppen eines Lindwurms gleich, mit 50, höchstens 60 km/h durch ein enges Tal schlängeln. Eine erzählt von dem Wolf in ihrem Garten, eine andere vom Kentern mit dem Kanu, eine Dritte von dem Schwarzbären, der die angeblich bärensichere Mülltonne vor ihrem Haus ausgetrickst habe. Eine durch und durch kanadische Unterhaltung, finde ich. Dann kommt der höchste Berg der kanadischen Rocky Mountains in Sicht. 15 köstliche Kilometer lang begleitet uns der fast 4000 Meter hohe, schneebedeckte Mount Robson, ich hätte, lehnt sich die Dame mit der Wolfsgeschichte vor, ein sagenhaftes Glück, den sonst wolkenverhangenen Giganten in seiner ganzen Pracht zu sehen.

©VIA Rail

©VIA Rail

Der Skeena: Penny, Longworth und andere Flagstops

Die Orte entlang der Trasse verdanken ihre Existenz ausnahmslos dem Skeena. Sein Vorgänger kam vor über hundert Jahren, als die Grand Trunk Pacific Railroad mit einer nördlichen Route zum Pazifik der weiter südlich verlaufenden Canadian Pacific Railroad Konkurrenz machte und sich dabei ruinierte. Bis zur Eröffnung des Yellowhead Highway in den siebziger Jahren war der Skeena für sie die einzige Verbindung zur Außenwelt. Für einige ist er es noch heute. Allein im 230 Kilometer langen Abschnitt zwischen McBride und Prince George haben 12 Weiler mit weniger als 20 Menschen keinen oder nur schwer befahrbaren Zugang zur Straße. Penny beispielsweise, bei Mile 69.5, ist die letzte Gemeinde in Kanada, die ihre Post von der Eisenbahn zugestellt bekommt. Wo früher mehrere Hundert Holzfäller mit ihren Familien lebten, harrt heute nur noch ein Dutzend Menschen in einfachen Häusern zwischen den Bäumen aus. So klein und von Busch eingemauert sind Orte wie Hutton, Longworth, Bent, Sinclair und Dome Creek, dass ich trotz der gemächlichen Geschwindigkeit des Skeena aufpassen muss, um wenigstens einen kurzen Blick auf sie zu erhaschen. Wer hier lebt, kann Geschichten erzählen, und die Chancen, sie aus erster Hand zu hören, stehen nicht schlecht: Als einer der letzten “Flagstop”-Züge in Nordamerika hält der Skeena auf offener Strecke an, um die “Homesteader” genannten Siedler und Aussteiger aufzulesen oder abzusetzen.

©VIA Rail

©VIA Rail

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Der Skeena: Der Lokführer kennt die Signale der Einsiedler

Ron Susmelj kennt die meisten. “Einmal im Monat”, erzählt der Skeena Service Manager, “bringen wir sie zum Einkaufen nach Prince George. Auf dem Rückweg nehmen wir sie wieder mit und setzen sie mit ihren Vorräten wieder bei sich ab.” Doch in der Wildnis, wo Handys nutzlos sind, ist der Skeena mehr als nur der Shuttle zum Shopping. “Jedes Mal, wenn wir bei einem Siedler vorbeikommen, halten wir nach bestimmten Zeichen Ausschau.” So entstand eine einfache, aber effektive Signalsprache. So bedeute ein grünes Band im Baum, das alles ok sein, ein gelbes dagegen, dass man anhalten müsse, weil etwas nicht stimme. Manchmal helfe nur Erfahrung. “Letzten Winter”, erinnert sich Ron, “brachten wir den alten Andrew nach dem Einkaufen wieder nach Hause. Normalerweise wäre er zuerst ins Haus gegangen, um den Ofen anzuwerfen und sich aufzuwärmen und danach zurück zum Gleis, um den Einkauf zu holen.” Doch als sie tags darauf wieder vorbei kamen, lagen die Vorräte noch immer neben den Schienen. Sie hielten an, stiegen aus und klopften bei Andrew an. Dem Lokomotivführer habe er erzählt, es sei so kalt gewesen in dieser Nacht, dass seine Hände angefroren seien und er es deshalb erst um fünf Uhr morgens geschafft habe, Feuer zu machen. “Deshalb war er noch nicht dazu gekommen, die Vorräte abzuholen!” Ron grinst, doch die Erleichterung über dieses Happy End ist ihm noch immer anzumerken. Zellulosegeruch kündigt die Papierstadt Prince George an.

©VIA Rail

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Der Skeena: Durch eine Wildnis mit mehr wilden Tieren als Menschen

Das Wort “Skeena” stammt aus der Sprache der Gitksan-Indianer. Es bedeutet “Nebelfluss”, doch bevor der Zug das traditonelle Territorium seiner Namensgeber erreicht, passiert er ein Bilderbuch-Kanada ohne nennenswerten Tourismus. Das weiße British Columbia begann hier 1806 mit der Errichtung des Pelzhandelspostens Fort Fraser am Milepost 92.4. Man sähe hier mehr Grizzlies, Elche und Biber als Menschen, ruft Ron mir von der Kitchenette aus zu, als ich wieder einmal in den Ausguck des Dome Car steige. Seen und Flüsse gleiten vorbei, ideales Elchgelände mit etwas Farmland dazwischen, doch die Creme der kanadischen Tierwelt macht sich rar. Dafür zeigt mir hinter Smithers der imposante Hudson Bay Mountain den Kathlyn Glacier, und hinter Moricetown überquert der Skeena drei in einer Kurve liegende, fast 50 Meter hohe Gerüstbrücken, die ich von meinem Hochsitz aus selbstredend ins Visier nehme. Dann tauchen wir in den Bulkley Canyon ein, passieren etwas später das für seine uralten Totempfähle bekannte New Hazelton und überqueren bei Milepost 62 erstmals den Skeena River, der mit 570 Kilometern zu den längsten ungestauten Flüssen der Welt gehört.

©VIA Rail

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Der Skeena: Verspätung gehört einfach dazu

Die River Guides auf den Flüssen ím Norden Kanadas kennen einen Begriff, der den Zustand, der mich am Ende dieses Tage überwältigt, humorvoll und durchaus passend beschreibt. “Scenic Overdose Syndrome”, kurz SOS, nennen sie es, wenn man irgendwann Fotoapparat Fotoapparat sein lässt und Gottes Wunderwerke in ermatteter Resignation an sich vorüberziehen lässt. Zwischen Milepost 75 und 131 (bis Terrace) genieße ich das gezackte Bergmassiv der Seven Sisters, den Borden Glacier und drei Grizzlies, die sich am Milepost 199.5 an wilden Beeren gütlich tun. Hinter dem Städtchen Terrace wird der Skeena während der nächsten 60 Kilometer von einmündenden Flüssen in ein fotogenes Muster aus Sandbänken und Kanälen zerfasert. Bei Kwinitsa stürzen mehrere Dutzend Wasserfälle in die Tiefe, erinnern die von Schmelzwasserrinnen und Lawinenabgängen zernarbten Steilhänge an eine latent gewaltbereite Natur. Immer breiter wird der Skeena, wir folgen ihm auf dem Nordufer, und immer schöner das letzte Sonnenlicht, das die Zweitausender der Kitimat Range in weiches honiggelb taucht. Verlassene, auf Stelzen stehende Fischfabriken säumen das Ufer. Wo Süßwasser auf Salzwasser trifft, sitzen hunderte von Fischadlern auf den Kiesbänken, aber ich habe den Fotoapparat jetzt weggelegt und schaue nur noch. Es ist schon dunkel, als wir in Prince Rupert einlaufen. Der Skeena hat auch heute wieder Verspätung, aber ich gucke nicht auf die Uhr, um zu sehen, wieviele Stunden. Es ist auch völlig egal. Ich bin doch angekommen, oder?

Mehr Infos zu Zugreisen mit Canadian und Skeena hier

Via Rail, Kanadas staatliche Eisenbahngesellschaft für den Personenverkehr, betreibt insgesamt 16 Routen zwischen Atlantik und Pazifik. Der berühmteste Zug ist der Canadian, er legt die 4466 Kilometer von Toronto am Lake Ontario über Edmonton in Alberta nach Vancouver in dreieinhalb Tagen zurück. In Jasper wartet der Skeena, ein Anschlusszug nach Prince Rupert am Pazifik. Er bedient dreimal wöchentlich die 1160 km lange Strecke und benötigt dafür zwei volle Tage. Tickets online bei VIA.

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