Kanadas Westen

Cetacealab, British Columbia: Die den Walen lauschen

Auf einer unbewohnten Insel am Rand des Kontinents probt ein deutsch-kanadisches Forscherehepaar den großen Lauschangriff. Mit Leidenschaft und Geduld. Und Unterwasser-Mikrofonen.

TauchWal

Tauchstation: Ein abtauchender Wal gehört zu den Erlebnissen, von denen man einfach nicht genug bekommen kann! |@Cal Toele

“Wir glauben, dass sie hier üben.” Hier, das sind die Gewässer rund um Gil Island, mit dem Caamano Sound im Süden, dem Whale Channel im Osten sowie Squally Channel und Lewis Pass im Westen. Im Norden reicht der Douglas Channel tief ins Landesinnere bis nach Kitimat. Gil Island selbst ist 230 Quadratkilometer groß, felsig, dicht bewaldet. Landeinwärts baut sich die bergige Endlosigkeit der Coast Mountains von British Columbia auf, im Westen gähnt die Leere des Pazifiks. Zwischen diesen beiden Welten befindet sich ein riesiges Schnittmuster aus tiefen Fjorden, engen Kanälen und unbewohnten Felseninseln –  eine oft regenwolkenverhangene, ehrfurchtgebietende, grandiose Kulisse, nur per Boot erreichbar und von kleinen, isoliert lebenden Indianerstämmen bewohnt.

Walgesänge live

“Erst ruft er. Dann wartet er, bis das Echo zu ihm zurückkehrt. Danach ruft er wieder, und wieder, und jedes Mal lauscht er seinem Echo. Irgendwann fügt er andere Töne hinzu. Ein paar ans Ende, ein paar an den Anfang. Das macht er eine ganze Weile, und dann fängt er zu singen an.” Sie, das sind die Buckelwale, bis zu 45 Tonnen schwere, sich hier die Bäuche mit Hering vollstopfende Giganten. Einem offenbar besonders mitteilungsfreudigen Exemplar hören wir gerade live zu. Sein Stimmumfang ist  ganz erstaunlich. Er gurgelt, knarzt, fiept und quiekt, dann heult er wie eine Sirene, dann scheint er sich zu verschlucken, oder zu räuspern, wer weiß, und dann geht es in rasanter Fahrt mehrere Oktaven hinauf, und dann, nicht minder rasant, hinab zu den Bässen.

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Die Lauscher: Meeresbiologen Janie Wray und Hermann Meuter haben ihr Leben der Erforschung und dem Schutz der Wale vor der kanadischen Pazifikküste gewidmet.

Cetacealab: Ein Haus am Wale-Highway

Janie Wray stellt den Receiver leiser und lächelt. Mit ihrem Mann Hermann Meuter, Meeresbiologe wie sie, erforscht sie das Verhalten der Wale in diesen Gewässern. 2001 kamen die beiden auf dem unbewohnten Gil Island an. Im ersten  Jahr hausten sie in Zelten, dann bauten sie auf einer Klippe am Südzipfel der Insel aus grob behauenen Planken ein einfaches Holzhaus. Zuletzt kam die kleine, “Cetacealab” getaufte Forschungsstation draussen an der Felskante dazu. Von hier aus haben Janie und Hermann ein 180-Grad-Panoramablick auf den Caamano Sound. Warum gerade Gil island? “Die Insel ist von acht, neun Kanälen und Passagen ins Landesinnere umgeben”, übernimmt der aus dem ostwestfälischen Diestedde gebürtige Hermann Meuter. “Das bedeutet für die Wale, dass sie auf ihren Wanderungen an der Insel vorbei müssen. Zudem ziehen auch die Chinook-Lachse auf ihren Wanderungen zu den Flussmündungen im Süden vorbei. Wir sagten uns, dies ist der ideale Ort, um Unterwasser-Mikrofone zu installieren.” Im Laufe der Jahre richteten Janie und Hermann rund um Gil Island ein regelrechtes, über 150 Quadratkilometer abdeckendes Lauschnetz ein. Die Mikrofone befinden sich in 15-25 Metern Tiefe und senden rund um die Uhr. “Wir haben überall Lautsprecher”, lächelt Hermann, “im Haus, im Labor und sogar im Wald. Sobald wir einen Wal hören, laufen wir zur Forschungsstation, nehmen ihn auf und bestimmen seinen Standort, die Richtung seiner Reise und die Art seines Rufs. Dadurch haben wir die Möglichkeit, das Reise- und Verhaltensmuster der Wale, vor allem der hier sesshaften Orcas, zu identifizieren.”

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Sie führen das Cetacealab auf Gil Island: Hermann Meuter und Janie Wray

Laufen, wenn die Wale singen

Janie dreht wieder am Receiver. Irgendwo da draußen haben sich die Wale, Orcas sind es, nun auf Sphärenklänge verlegt. “Wenn Du Wale studierst, musst Du ihnen zuhören”, sagt Janie. “Zum Beispiel hat jede Orca-Familie ihren eigenen Dialekt und jeder Clan seinen eigene Sprache.” Während der großen Migrationen, wenn z. B. die Buckelwale von Hawaii nach Alaska ziehen, nehmen Janie und Hermann an manchen Tagen 18 Stunden am Stück die “feeding calls” dieser Kolosse während der gemeinschaftlichen Jagd  auf. An einen dieser Tage erinnert sich Hermann besonders gut. “Im Oktober 2003 saßen wir um neun Uhr abends im Wohnzimmer, als wir plötzlich Walgesänge hörten. Mein Gott, tatsächlich, Walgesänge! Bis dahin hatte man ja geglaubt, dass Buckelwale nur in den Tropen singen. Jetzt wissen wir, dass sie dies auch hier, in den ´feeding grounds´, tun!” Bis 2009 hatten Hermann und Janie über 500 Stunden Walgesänge aufgenommen, und gerade jetzt, während unseres Besuches Anfang September 2012, liegen die beiden wieder verstärkt “auf der Lauer”.

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Cetacealab: Die rot schraffierte Fläche rund um Gil Island zeigt das von den Unterwasser-Mikrofonen belauschte Gebiet

Lebensraum in Gefahr

Dank der Forschungsarbeit von Janie und Hermann dürfen der Caamano Sound und die angrenzenden Gewässer als extrem kritischer Lebensraum für Wale gelten. Doch die Zukunft ist ungewiss. Hermann verschränkt die Arme vor der Brust und schaut hinaus auf den Pazifik. “Als wir hier ankamen, dachten wir nicht im Traum daran, irgendwann quasi an der Front zu leben!” Denn seit Pläne zur Verlegung einer Pipeline von den Teersandfeldern in Nord-Alberta nach Kitimat wenige Bootsstunden von Gil Island entfernt immer konkreter werden, befinden sich Umweltschützer, Indianerstämme und große Teile der Bevölkerung British Columbias in Aufruhr. Sollte das “Northern Gateway Project” genannte Unterfangen Realität werden, würden laut Pipeline-Hersteller Enbridge pro Jahr mindestens 300 Supertanker in diesen Gewässern fahren. Um der Öffentlichkeit die Pipeline schmackhaft zu machen, scheute Enbridge auch vor gezielter Desinformation nicht zurück. Janie holt die Karte heraus und zeigt auf eine Nachbarinsel von Gil Island. “Dies ist Fin Island. Auf Enbridge-Karten werdet Ihr die Insel nicht finden. Warum nicht? Weil sie den Tankern im Weg ist!” Tatsächlich veröffentlichte Enbridge im Rahmen seiner kanadaweiten PR-Kampagne im Sommer 2012 eine Karte, die nicht nur Fin Island, sondern auch alle übrigen Inseln auf dem Weg vom Pazifik nach dem 80 km landeinwärts liegenden Kitimat aussparte. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, dass der Weg zu den Öl-Terminals in Kitimat ein Highway ist und kinderleicht zu navigieren sei.

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Hermann Meuter „im Büro“ vor Gil Island: Wieviele Orcas sind jährlich hier unterwegs? Zu welchen Gruppen gehören sie? Sind sie auf der Durchreise oder sesshaft? Hermann und Janie können bereits viele Fragen beantworten ..

 Wieviel Öl sind zwei Millionen Barrel genau?

Das Gegenteil ist der Fall. Hermann Meuter ist besorgt. “Wie sollen die Supertanker, die so lang sind wie fünf Footballfelder, sicher in diesen engen, schärenreichen Passagen navigieren? Enbridge sagt, dass das geht. Der Punkt ist leider, dass jeder der über 300 Tanker pro Jahr hier jedes Mal sicher hindurch muss. Es bedarf nur eines einzigen Unfalls, damit diese Küste Geschichte ist. Wieviel Öl transportiert ein einziger Tanker? Zwei Millionen Barrel? Und dann auch noch Bitumen, die dickste Ölart, die gar nicht zu entsorgen ist?” Von der Belästigung durch den Lärm der Schiffsschrauben ganz zu schweigen. Wale sind akustische Tiere, fügt Janie hinzu. “Wir glauben, dass sie auch deshalb hierher kommen, weil in diesen Gewässern so wenig Schiffsverkehr  herrscht!“ Sie dreht wieder am Lautstärkenregler. Der Sänger von vorhin scheint sein Konzert beendet zu haben. Unter dem Meer ist es still. Für heute.

Weitere Informationen zur North Coast Cetacean Society

Janie´s und Hermann´s Arbeit wird ausschließlich von Spenden an ihre North Coast Cetacean Society (www.cetacealab.org) ermöglicht. Ihre Webseite enthält außerdem Bilder, Videolinks und Podcast mit aktuellen Walgesängen. Am nächsten kommt man den beiden beim Besuch der luxuriösen King Pacific Lodge (www.kingpacificlodge.com), wo Janie im Sommer Vorträge hält. Als Gast des Schoners Maple Leaf (www.mapleleafadventures.com) hat man u.U. ebenfalls Gelegenheit zu einem Besuch.

Foto Credit: Ole Helmhausen, Cal Toele

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1 Comment

  • Reply
    inka
    17. Juli 2016 at 15:18

    Ach, na klar, DU warst natürlich da. 😀
    Ich hatte überlegt, die zu besuchen, es hieß allerdings, sie hätten ihre Forschungen mittlerweile weitgehend eingestellt, weil „in Rente“ und würden das gerne Jüngeren überlassen. Derzeit sei unklar, wer sich kümmert.
    Wäre ja schade, wenn das niemand weiterführt. Oder ich hab falsche Infos bekommen?
    LG /inka

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