Kanadas Westen

Canadian Badlands (Alberta): Von Gespenstern und Einschusslöchern

Kein Shopping Malls, keine Fast-Food-Filialen, keine falsche Versprechungen, dafür lauter Originale: In den Badlands im Südosten von Alberta ist nicht alles spektakulär, aber alles echt. Dass wir mitten auf der schnurgeraden Route 56 nach Stettler nur anhalten, um das weite Grasland zu fotografieren, will der Frau im verbeulten Truck nicht in den Kopf ..

Canadian-Badlands-Schuppen-im-Grasland-1

Unverstellt: What you see is what you get, wie man hier sagt

Zu Besuch in den kanadischen Badlands im Südosten von Alberta

Schon von Weitem habe sie uns gesehen, sagt sie, und gedacht, da stimmt was nicht. Denn wenn es keinen Zaun zu reparieren gäbe, halte hier niemand an. Doch wir können sie beruhigen. Wir haben keine Panne, wir haben bloß Spaß. Die hilfsbereite Seele heißt Stella und ist ein imposantes Cowgirl mit langem Haar und altmodischer Hornbrille.

Halb ratlos, halb belustigt, die Ellenbogen schwer auf  das heruntergekurbelte Fenster gestützt, verfolgt sie unser Treiben und macht dabei Konversation. Während wir mit den Objektiven hantieren, erzählt sie uns die Geschichte von ihrem Nachbarn Hank. Hank sei vor zwei Jahren unweit von hier mit der Hand in seinen Mähdrescher geraten. Hier?

Canadian Badlands: Stella bei Stettler

Wir halten inne. Jep, sagt sie, hier, und nickt über das Lenkrad zum Horizont hinüber. Die Route 56 steigt dort einen kleinen Hügel hinauf, auf ihm wächst der einzige Baum weit und breit. Da oben, sagt Stella, habe Hank zweieinhalb Tage gelegen, mit der einen Hand im Mähdrescher, während er mit der anderen versuchte, sein Handy zu erreichen.

Dummerweise sei er auf der falschen Seite der Maschine eingeklemmt gewesen, deshalb habe ihn keines der vorbeifahrenden Autos gesehen. Und? Stella macht eine Kunstpause, zweifellos hat sie die Geschichte schon oft erzählt.

Am Ende habe Hank sich selbst befreit. “Er hat sich die Hand mit dem Taschenmesser abgesäbelt”, sagt sie triumphierend. Was so klingt, als wolle sie sagen, schaut her, wir hier draußen, wir sind alle hart im Nehmen!

Canadian Badlands - Writing-on-Stone Provincial Park -2

Writing-on-Stone Provincial Park: Stiller Star im Parksystem von Alberta

Wir sind noch keinen Tag unterwegs, doch schon ist unsere Entdeckungstour durch ein etwas anderes Stück Kanada genau das. Dies ist nicht das Alberta der millionenfach fotografierten Vorzeige-Attraktionen Banff und Jasper, die man deshalb schon kennt, bevor man ins Flugzeug steigt.

Dies sind die Badlands, hügelige Prärie bis hinter den Horizont, sparsame Landschaft, dünn oder gar nicht besiedelt, mit hineingestanzten Canyons und “Coulées” genannten, meist ausgetrockneten Flussbetten, die für die ersten Siedler “schlechtes Land” waren, weil es hier nichts zu holen gab und die der Autofahrer von heute erlebt wie tiefe, sich unvermittelt öffnende Löcher in einer Welt, die flach wie eine Scheibe ist, am Ende aber, weil nichts den Blick auf die Erdkrümmung verstellt, doch noch unmerklich rund wird.

Die Menschen hier sind Insulaner in einem Meer aus Gras, mit den Insignien ihres Standes – Rancher und Cowboys tragen Stetsons, Farmer, Trucker und die Angestellten der Alberta Irrigation Projects Association Baseballmützen. Gelebt wird in verlorenen Käffern, an deren Ortsgrenzen Getreidesilos, die vielbesungenen “Kathedralen der Prärie”, Wache schieben und Spaliere landwirtschaftlichen Geräts nur darauf zu warten scheinen, abgeschritten zu werden.

Canadian Badlands - Vor Sams Saloon -3

Sam´s Saloon, Rowley: Wir sind keine Anziehpuppen und haben mächtig Spaß!

Touristen sind selten hier, sie fliegen immer drüber weg. Von den Cypress Hills auf der Grenze zu Saskatchewan bis zu Kanadas Boom Town Calgary, von Milk River kurz vor Montana bis nach Red Deer im Norden: Die Badlands sind keine Mogelpackung, sondern eine ehrliche Haut. Wenn uns das hier gefällt, sagt Stella und macht dabei eine vage Handbewegung Richung Nirgendwo, müssen wir unbedingt in Rowley vorbeischauen, da sei heute Abend Pizza Night.

Gesagt, getan: Am Ende des Tages rollen wir durch eine Geisterstadt wie aus High Noon. Außer Gary Cooper ist alles da, die Main Street, die falschen Fassaden, die gut erhaltene Frontierarchitektur. Vor hundert Jahren war Rowley eine typische Train Town, eine Eisenbahn-Stadt, in der sich die Farmer und Rancher der Umgebung trafen, um Vorräte zu kaufen und Vieh und Getreide zu verladen.

Dann aber, es war nach dem Zweiten Weltkrieg, begann der Verkehr nach und nach an Rowley vorbeizufließen. Die Silos am Stadtrand verwaisten, eine Familie nach der anderen zog fort. Die letzte Schule schloss 1965, der Bahnhof ebenso, und 1973 gab auch der General Store auf.

Canadian Badlands: Pizza, Bier und Country-Musik

Ganz tot ist “Rowley, Population: 6” jedoch nicht. Stur trotzen ein paar Einwohner den Zeitläuften. Gemeinsam mit heimwehkranken Fortgezogenen begannen sie irgendwann damit, an jedem letzten Samstag im Monat Pizza zu backen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus die “Pizza Night in Rowley”, eine Art Gemeindefest/Party/Familientreff für die ganze Region.

Der Erlös fließt in die Instandhaltung der leer stehenden Häuser. Wir parken vor der alten Bank, schlendern an ein paar mit Luftgewehren auf Blechdosen schießenden Kindern vorbei, und geben in der zur Pizzabäckerei umfunktionierten Gemeindehalle unsere Bestellung auf. Danach schlendern wir nach Sam´s hinüber, einen echten Schwingtüren-Saloon mit niedriger Decke, Elchköpfen an den Wänden und Sägespäne auf dem Boden. Sam´s ist rappelvoll, aus den Lautsprechern dudelt Country-Musik.

Canadian Badlands - Kathedrale der Prärie - 4

Lange die perfekte Partnerschaft: Schiene und Getreidespeicher, hier in Milk River

Überall sonst in Nordamerika würden Jugendschutzverordnungen greifen. Hier nicht: Männer und Frauen in karierten Hemden stehen und sitzen bei Pizza und Bier der Marke Big Rock, zwischen den Tischen flitzen Kinder hin und her, die Theke ist im Besitz junger Mütter mit Babies. Alle stammen aus Rowley, alle hoffen, irgendwann zurückzukehren.

“Keine hier lebt gern in Drumheller”, sagt eine und erzählt vom Alltag in “the city”. Drumheller, muß man dazu wissen, ist der größte Ort der Badlands und gilt mit 8000 Einwohnern als Großstadt. “Dort kennt man die Nachbarn nicht, weiß manchmal nicht, was die Kinder gerade so treiben, niemand grüßt.” Im Sam´s hingegen kennt jeder jeden, die Stimmung ist freundlich-aufgekratzt.

Canadian Badlands - Straße in die Endlosigkeit - 5

Paradies für Roadtripper: Kein Verkehr und am Horizont die Krümmung der Erde

Anderntags unternehmen wir einen Selbstversuch. Eine Stunde lang zuckeln wir im Fußgängertempo über die Route 585. So “schnell” wie vor 120 Jahren die Ochsenkarren der Pioniere. Das hätten wir nicht tun dürfen. Das Haus, der Silo, der Baum, kein einziges der den Horizont punktierenden Objekte will näher kommen. Dem Impuls, das Experiment abzubrechen, müssen wir schon nach fünf Minuten zum ersten Mal widerstehen.

Wir sind es nicht mehr gewohnt, dass einfach nichts passiert. Noch mindestens ein Dutzend Mal sind wir drauf und dran, wieder aufs Gaspedal zu steigen. Wir trommeln auf dem Armaturenbrett herum, spielen mit dem Radio, rutschen in den Sitzen herum. Tempo 5 km/h zehrt an den Nerven. Und plötzlich ist die Vorstellung, auf einem Ochsenkarren durch die Badlands zu schaukeln, gar nicht mehr romantisch.

Canadian Badlands: Nehmt Euch vor den Hoodoos in Acht!

Doch sonst fahren wir auf diesem herrlichen Patchwork aus Raps- und Weizenfeldern ziemlich schnell. Viel zu schnell, um ehrlich zu sein, aber wer guckt auf solch leeren Straßen schon ständig auf den Tacho? Die Abzweigung zum Dry Island Buffalo Jump Provincial Park verpassen wir deshalb um ein Haar. Zehn Minuten später passiert es. Vor uns schmiert die Welt plötzlich ab.

An einem Schild steigen wir aus. Bevor sie Pferde hatten, steht da geschrieben, trieben Cree-Indianer hier Büffelherden über die Kante. Wir treten näher und blicken in einen 200 Meter tiefen Canyon. Keine Absperrung, kein Zaun schützt uns vor uns. Ein Parkplatz für eine Handvoll Autos versucht glauben zu machen, dass sich auch mehrere Besucher zugleich hierher verirren.

Unten mäandert der Red Deer River durch eine erodierte Landschaft aus Hoodoos und lichten Cottonwood-Wäldern nach Süden, auf der anderen Seite schützt der Namensgeber, eine inselartige Mesa, Fragmente ursprünglicher Prärie. Ein warmer Wind streicht durch´s Gras, sonst rührt sich nichts.

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Dry Island Buffalo Jump Provincial Park: Großes Loch in der Prärie

Nach ein paar Tagen “on the road” denken wir immer langsamer, immer weniger. Irgendwann schaltet das Hirn automatisch auf Stand-by. Drüben in Amerika sagen sie “Empty your cup” dazu. Auf einer Anhöhe im Writing-on-Stone Provincial Park gelingt uns das besonders gut. Wir werfen uns ins Gras und genießen den Blick über Canyons, Hoodoos und offene Prärie hinweg auf die 2000 m hohen Sweetgrass Hills, die bereits in Montana liegen.

Adler kreisen am Himmel, in unserem Rücken äsen Pronghorn-Antilopen. Niemand ist da, der uns der Exklusivität dieses Moments berauben würde. Auch den anderen “Hingucker” der Badlands brauchen wir kaum mit Besuchern zu teilen. Im Dinosaur Provincial Park, immerhin ein UNESCO-Titelträger, weil hier mehr bis dahin unbekannte 40 Dinosaurierfossilien aus den Sedimentschichten gekratzt wurden, nehmen wir ein paar der fantastischen Wanderwege durch die Wildwest-Canyons unter die Stiefel. Alles, was wir in dieser urweltlichen Kulisse hören, ist der eigene Pulsschlag. Arbeit? Beruf? Welcher Beruf?

Wayne, Ew. 27: Miese Laune wegen Zahnschmerzen

Kein Gegenverkehr, kein Sonntagsfahrer und keine Psychopathen, die einem am Heck kleben. Es gibt auch keine McDonalds und Shopping Malls in den Badlands. Es gibt nur Originale. Auch die Unterkünfte sind nicht von der Stange. In Coutts, einem von einem hohen Zaun mit Wachtürmen zweigeteilten Nest auf der kanadisch-amerikanischen Grenze, sind wir die einzigen menschlichen Gäste in einer von Pferden und Hunden wimmelnden Tierpension.

Im Saloon des Patricia Hotel in Patricia braten wir unsere Steaks selbst, im St. Ann Ranch Country Inn hören wir von den Eskapaden der französischen Stadtgründer. Den Vogel schießt Wayne ab. “Population then: 2490. Now: 27”, verkündet das Schild am Ortsrand. Oder warnt es? Wayne ist ein Nest 14 km südöstlich von Drumheller im engen Rosebud River Canyon, am Ende der Rte 10X, die auf dem Weg hierher elf Brücken überquert.

Auch Wayne ist noch nicht ganz tot. Ob die Einschusslöcher im Last Chance Saloon noch zu sehen sind, wollten wir eigentlich fragen. Doch Gred Dayman, der Besitzer des Rosedeer Hotel, in dem sich das hundert Jahre alte Wasserloch befindet, hat miese Laune, Zahnschmerzen sind schuld.

Canadian Badlands - Cherry vor Last Chance Saloon in Wayne - 7

Last Chance Saloon, Wayne: Faktotum und Barfrau Cherry mit einem der roten Eimer. Ihre Erfindung. So schmeckt das Bier besser. Sagt sie.

Doch das wissen wir noch nicht, deshalb sehen wir uns nun mit einem ungekämmten Grobian in grauem Hausmeisterkittel konfrontiert. Als Hotelbesitzer müsste er uns eigentlich mit offenen Armen empfangen. Stattdessen blockiert er den Korridor zum Saloon mit verschränkten Armen und starrt uns herausfordernd an.

Die Einschusslöcher, Mr. Dayman, versuchen wir es noch einmal, von Lawrence Wilson, der hat doch in den sechziger Jahren hier im Saloon  gearbeitet, jedenfalls hat man uns das unterwegs erzählt, und mit seiner 45er soll er Löcher in die Decke geschossen haben, wenn seine Kunden nicht zahlen wollten! Dayman kneift die Augen zusammen und mustert uns von oben bis unten. Dann rümpft er die Nase und zieht die Schultern hoch. Stand-off. Was jetzt?

Last Chance Saloon: Gute Nacht, ohne Gespenster

Auftritt Cherry, in Badeschlappen. An einem historischen Airway-Staubsauger hängend, das Timing ist glänzend, kommt sie um die Ecke. “Die haben gebucht, Fred, lass´ mich das machen”, schreit sie über den Lärm der Höllenmaschine.

Dann bringt sie das gute Stück mit einem Fußtritt zum Schweigen und schlurft hinter die Rezeption. “Ihr seid die einzigen Gäste”, verkündet sie, “sucht Euch oben ein Zimmer aus.”Gehorsam schleifen wir die Koffer die steile Treppe hinauf. “Kleiner Tipp, wenn Ihr ruhig schlafen wollt”, hören wir sie noch rufen. “Nehmt eines der vorderen Zimmer. Weiter hinten spukt es, da haben sie während der Depression einen Gewerkschafter umgelegt!” Während der Nacht bleibt der Geist des armen Kerls jedenfalls, wo er ist.

In unseren alten Gitterbetten schlafen wir tief und fest.

Weitere Informationen zu den Canadian Badlands

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1 Comment

  • Reply
    Hans Freuler
    17. Februar 2013 at 4:41

    O.K. Ole, du hast mich ueberzeugt, da muessen wir noch einmal hin. Wir waren im Sommer 2012 beim Big Valley Jamboree in Camrose AB. Die Route 56 fuehrt ja fast nach Camrose. Am Tag zuvor besuchten wir das Rodeo in Bruce, auch in der Naehe. Die Route 585 sieht auf meiner Karte nicht gerade einladend aus, fuer unseren Willi. da muss er wahrscheinlich aber durch! 🙂
    Liebe Gruesse, Hans

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