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Kaoham: Kanadas beste unbekannte Zugfahrt

Was für eine Kulisse! Zwischen den fast senkrecht aufragenden Coast Mountains und dem Seton Lake tastet sich der Kaoham Shuttle einen zwei, drei Meter breiten Felsvorsprung entlang. Spannender geht nicht. Billiger übrigens auch nicht. Die zweistündige Hin- und Rückfahrt durch ein besonders dramatisches Stück BC kostet ganze 10 Dollar.

Der Kaoham Shuttle: Bahnfahren wie früher

Seit der Personenverkehr in dieser wohl rauesten Gegend von British Columbia eingestellt wurde, ist nur noch der Kaoham Shuttle unterwegs. Der kleine, für 30 Passagiere ausgelegte Dieseltriebzug verkehrt täglich zwischen Lillooet und dem First Nations Reserve Seton Portage. Die Coast Mountains sind hier so steil und die doppelte so lange Schotterstrecke bei Schnee und Regen selbst für Vierradantrieb so oft unpassierbar, dass der Shuttle für die Ureinwohner hinter dem Berg die einzige einigermaßen verlässliche Verbindung ist. Die Leute vom Stamm der St’àtäimc First Nation betreiben ihn gemeinsam mit Canadian National (CN). Tickets gibt es bei der Managerin auf der Bank am Bahnsteig. Jede Transaktion trägt sie feinsäuberlich in ihre Kladde ein. Dann reißt sie die Tickets sorgfältig ab, schaut über goldene Brillenränder in die disziplinierte, sie umringende Menschentraube aus Hausfrauen und Teenagern in Gangsta-Hoodies und sagt „Next, please!“.

All on booooooaard! Der Kaoham Shuttle ist in dieser zerklüfteten Gegend von BC der letzte noch verkehrende Nahverkehrzug.

Tickets verkauft die Managerin auf dem Bahnsteig. Passagier sind Locals und Auswärtige.

Do´s und Don´ts unterwegs: Muss wohl alles schon mal dagewesen sein .. :)

Apropos „einigermaßen verlässlich“. Der Kaoham Shuttle ist spät dran, aber keiner regt sich auf. Der Wind treibt Tumbleweeds über die leeren Bahngleise, man hat Zeit. Gleich hinter dem Bahnhofsgebäude türmen sich nackte Giganten aus braunem Fels auf, die steilen Hänge von Lawinenabgängen vernarbt. Nach Vancouver sind es 300 Kilometer, aber 300 Lichtjahre wären korrekter. Als der Shuttle endlich kommt, setze ich mich in den ersten Waggon, und zwar gleich neben den Zugführer. Luxus wie im Canadian oder dem Rocky Mountaineer ist Fehlanzeige. Grauer Linoleumboden ist angesagt und Sitze wie damals im 1960er Triebwagen von Rheda nach Münster. Auf dem Motorblock zwischen Fahrer- und Beifahrersitz hat der Zugführer, ein netter Salish-Mann namens Eugene, seine Thermoskanne abgestellt.

Starke Trasse für eine Handvoll Dollar: Wo in Kanada gibt´s das sonst noch?

Wie der Rocky Mountaineer,  nur für zehn Dollar

Dann geht es los. Langsam arbeitet sich der Shuttle zum Seton Lake hinauf. Dichter Wald weicht nacktem Fels, die Berge rücken uns auf den Leib. Vor mir winden sich die Schienen um Ecken und Felsvorsprünge. Rechts sehe ich nur braune Felswand. Ließe sich das Fenster öffnen, könnte ich sie berühren. Links liegt der nur ein paar hundert Meter breite, aber dafür 22 km lange Seton Lake. Ufer ist nicht zu sehen, die steilen Berge steigen übergangslos aus dem Wasser auf. Eugene fährt die Strecke bereits seit über 30 Jahren und kennt jede Sprosse, jeden Stein. Ein Auge für die Strecke, das andere für die Berge über uns, zeigt er uns Hochwild, Adler und Bergziegen und ja, Grizzlies kann man hier auch sehen. Hin und wieder hält er auf offener Strecke an und setzt sogar ein Stück zurück, um einen besseren Blick auf schneeweiße Dallschafe hoch über uns zu ermöglichen. Mit Stahlgittern gesicherte Felswände erinnen daran, dass Steinschlag jederzeit möglich ist. Einmal hält Eugene den Zug vor einer nicht einsehbaren Kurve und funkt den Bahnhof an, ob der Weg auf der anderen Seite frei ist. Dann geht es im Schritttempo weiter. Erst als der gesamte Abschnitt sichtbar ist, nehmen wir wieder Tempo auf.

Draufblick vom Hwy. 99 nach Whistler: Die Trasse des Kaoham Shuttle schlängelt sich rechts unten durch die Landschaft!

 

Das winzige Seton Portage ist ein für das untouristische Backcountry British Columbias typisches Nest. Es gibt ein einfaches Hotel mit Trailern und eine kleinen Lebensmittelladen. Ich bleibe nicht über Nacht, sondern wechsele in den hinteren Waggon, der auf der Rückfahrt der vordere sein wird. Meinen Platz neben Eugene überlasse ich einem alten Herrn aus Vancouver. Der versteht mehr von Zügen als ich und ist mit Eugene schnell mitten drin im Thema. Derweil genieße ich einfach nur die Landschaft. Und kann mein Glück nicht fassen, nur zehn Dollar für dieses Vergnügen bezahlt zu haben.

Zugführer, Board Engineer und Shuttle-Erklärer: Eigentlich will Eugene bald aufhören, aber bis dato hat sich kein Nachfolger gefunden ..

 

Mehr Informationen über Lillooet, den Kaoham Shuttle und die Region Cariboo Chilcotin Coast findet Ihr hier

 

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