Gastartikel Kanadas Westen

Vancouver Island: Marion Grau, die Umwege-Sammlerin

Marion Grau lebt seit 14 Jahren auf Vancouver Island. Weil sie sich schon immer von jedem Pfad und jedem Fußweg magisch angezogen fühlte, machte sie sich auf, um vergessene und wenig begangene Wege dieser schönen Insel zu sammeln. Voriges Jahr gründete sie schließlich den Wandertouren-Anbieter Trek & Treats. Für solche Wanderer, die ein Stück unbekanntes Kanada erforschen wollen. Über den Weg dorthin und ihre große Leidenschaft berichtet sie im vorliegenden Beitrag.

Eine Schwäbin auf dem Salish Shores Discovery Trail

Neulich fiel mir auf, dass ich nach vielen Umwegen am Ende dort angelangt bin, wo ich eigentlich immer schon am liebsten gewesen wäre. Sicherlich, wegen meiner schwäbischen Abstammung (Schaffe, schaffe, Häusle baue) ärgere ich mich ein bisschen über die Zeitverschwendung. Doch 30 Jahre in Kanada, einem versöhnlichen und geduldigen Land, haben mich gelehrt, die Dinge etwas entspannter zu sehen. Schließlich geht es ja auch bei meinem lang erträumten Projekt, dem Salish Shores Discovery Trail, letztendlich um Umwege.

Ich lebe seit 20 Jahren an der Westküste Kanadas, davon 14 in Victoria, der Hauptstadt von Kanadas westlichster Provinz, British Columbia. Hinter mir liegt eine kurvenreiche berufliche Laufbahn. Ich habe im Tourismus gearbeitet und immer wieder im Naturschutz. Als Kommunikations- und Fundraising Pro ist man ja auf vielen Gebieten einsetzbar, und Natur und Reisen sind meine Leidenschaft. Durch meine Arbeit habe ich viele versteckte Winkel von BC kennengelernt – die Rockies, das Interior Plateau, die Regenwälder hier am Pazifik – und mich dabei immer wieder aufs Neue in Kanada verliebt. Oft habe ich auch Touren organisiert, um meine Entdeckungen mit anderen zu teilen. Das mache ich richtig gerne.

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Vancouver Island: Ein Paradies für Küsten-Wanderer.

Dabei fiel mir auf, dass es für Reisende oft schwer ist, einen wirklichen Zugang zum echten Kanada zu finden. Es kamen mir allerlei Ideen, wie man das ändern könnte. Und da man ja bekanntlich nur das tun soll, was Laune macht, habe ich vor einem Jahr ein kleines Reiseunternehmen namens Trek & Treats gegründet. Als Erstes entwickelte Trek & Treats eine mehrtägige Wanderroute über den südlichsten Zipfel von Vancouver Island. Ich nannte die Route den Salish Shores Discovery Trail ..

Einen Wanderweg entwickeln? Wie? Warum, wozu?

Wir leben hier in einer einmaligen Gegend, sowohl landschaftlich als auch kulturell. Vancouver Island ist etwas größer als Belgien, hat das mildeste Klima Kanadas und zahlreiche unterschiedliche Ökosysteme. Der Süden ist für kanadische Verhältnisse eher dicht besiedelt, hat aber auch große Naturschutzgebiete. Umgeben sind wir von Juan de Fuca und Georgia Straight, zusammen auch Salish Sea genannt, nach den indianischen Bewohnern dieser Region. Geschichte, Lebensart, Kultur und Natur sind hier eng miteinander verflochten. Man stößt immer wieder auf Kontraste und Widersprüche, die meiner Meinung typisch sind für das moderne Kanada.

Eben weil es so viel zu entdecken gibt, und weil ich außerdem Trail-Fanatikerin bin und von jedem Fußweg magnetisch angezogen wurde, hatte ich schon immer Lust, die Region, in der ich wohne, zu Fuß zu durchqueren. Doch es gab ein Problem. Die Pfade der indianischen Ureinwohner, die auch die ersten Weißen noch benutzten, sind in besiedelten Gebieten großenteils verschwunden. Begehbare Feld- und Waldwege, wie man sie vielerorts in Europa gewohnt ist, gibt es kaum oder sind vergessen. Vielleicht sind Wandertouren in Europa gerade deshalb bei Kanadiern sehr beliebt. Sie reisen scharenweise nach England, Frankreich und Spanien, um tage- und wochenlang den Jakobsweg, den Dales Way in England und andere Wanderwege zu gehen.

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Manche Wege sind alte Indianer-Trails, andere stammen von Fischern.

Nun gibt es zwar auch auf Vancouver Island einmalige Wanderwege. Ich denke vor allem an den berühmten West Coast Trail, der angelegt wurde, um überlebenden Schiffbrüchigen einen Weg aus der Wildnis zu ermöglichen. Landschaftlich großartig, sind derartige Wanderungen jedoch weit von der Zivilisation entfernt. Man trägt Zelt, Schlafsack und Verpflegung auf dem Rücken und setzt sich oft beträchtlichen körperlichen Herausforderungen aus. Das kann zwar richtig toll sein, ist aber vielen Menschen nicht ohne Weiteres möglich. Zudem ist so mancher berühmte Wanderweg bei uns inzwischen so überlaufen, dass man anstehen muss, um eine Genehmigung zum Begehen zu erhalten, der Grund: Die Natur muss vor zu vielen Naturfreunden geschützt werden.

Kanadische Trek & Treats: Andere Wege gehen

Ich wollte deshalb eine Alternative zu schaffen. Trekken, und sich trotzdem was gönnen. Wandern, die Natur genießen, und dabei auch Kultur und Gastfreundschaft erfahren. Die in Kanada traditionelle Trennung von Natur und Zivilisation in Frage stellen. Es gab zwei Hauptansatzpunkte.  Zum einen wurden in den letzten Jahren viele Rad- und Wanderwege erschlossen, da man inzwischen gesünder und naturbewusster lebt. Die neuen Trails folgen oft alten, schon lange stillgelegten Eisenbahntrassen. Der Bekannteste und wohl auch Schönste ist der Galloping Goose Regional Trail, so genannt nach einem Zug namens Galloping Goose, der 35 km von Victoria bis nach Leechtown, einer Geisterstadt aus Goldgräberzeiten, führt.

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Verdiente Pause: Anders als das Gehen auf früheren Eisenbahntrassen geht das Wandern über Stock und Stein ganz schön in die Knochen.

Nun sind Eisenbahnstrecken jedoch so angelegt, dass sie immer den schnellsten Weg zum Ziel nehmen. Um jedoch die Schönheit und Vielfalt von Vancouver Island so richtig zu erfassen, muss man die Insel, und dies war mein zweiter Ansatzpunkt, auf Umwegen erkunden. Höhen und Tiefen und “krumme Touren” eingeschlossen. Um also eine Wanderroute zu entwickeln, die dieser Umgebung gerecht wird, habe ich meine Region ein halbes Jahr lang, mit GPS und Karte, zu Fuß und auf dem Rücken meines treuen Rosses, Ms. Jingles, bis ins kleinste Detail erforscht. Dabei habe ich immer wieder kaum benutzte Wege und Pfade entdeckt. Und nebenher am Wegesrand liegende Bed & Breakfasts, Farmers´ Markets, alte Pubs und nette Cafés besucht. Man muss schließlich alles Selbst probieren, um es weiterempfehlen zu können.

Und so entstand er, der Salish Shores Discovery Trail! Über 85 km führt er von der Juan de Fuca Straight über die Saanich Peninsula, an schroffen Küstenlandschaften, klaren Bächen und Seen entlang, durch dichte Wälder, landwirtschaftliche Gebiete, und auch durch ein paar Ortschaften und Parks. Sieben solcher Naturschutzgebiete durchquert er. Dazwischen geht´s mal am Strand entlang, mal auf engen Pfaden, die die wenigsten kennen, mal ein Stück die Straße entlang oder auch die in Trails verwandelten Eisenbahntrassen. Und damit’s niemandem langweilig wird, stehen wahlweise auch Fahrradfahren, Kayaking und sogar Reiten auf dem Programm.

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Und wenn man einmal eine Straße sieht, zeigt sie sich gleich unwiderstehlich …

Seit Sommer 2013 bietet Trek & Treats nun Wanderungen und Multi-Sport Touren auf dem Salish Shores Discovery Trail an. Meine Gäste wählen entweder die 3-tägige Peninsula Route, die außer der schönen Landschaft auch viel Geschichtliches, Kulturelles und Kulinarisches bietet; oder den West Coast Hike, der durch eine ruhigere Landschaft mit viel Strand, Lagunen und Wald führt. Am Besten, man nimmt sich fünf oder sechs Tage Zeit und macht beides. Trek & Treats kümmert sich um die Unterkunft, den Transport des Gepäcks, Landkarten, Wegbeschreibungen. Unsere Touren sind selbst geführt – d. h. es gibt keine Reisegruppen und Reisebegleiter, sondern viel Freiraum, um alles Selbst zu erkunden.  Wir gehen aber gerne kurze Abschnitte mit unseren Gästen, teils um sicherzugehen, dass der Schwierigkeitsgrad passt, und auch um etwas was über die Landschaft, Geschichte und Gesellschaft mitzuteilen. Außerdem macht´s einfach Spaß. Lesematerial stellen wir übrigens auch gerne zur Verfügung, oder gar ein paar Stunden mit unserer Expertin in Sachen Naturkunde in einem biologisch besonders interessanten Gebiet.

Bisher kamen unsere Gäste aus Amsterdam und Anchorage, Alaska und Alberta (Kanada). Für 2014 haben sich schon Wanderer aus Australien und Amerika angesagt.  Es dürfen Wetten abgeschlossen werden, wo wohl die Nächsten herkommen. Deutschsprachige Kundschaft hatte Trek & Treats noch nicht. Wir freuen uns aber auf sie. Und natürlich erkunde ich weiterhin die Landschaft, denn es gibt auf unserer Insel im Nordpazifik noch viele tolle Umwege zu entdecken ..

Ein Gastbeitrag von Marion Grau, die auch die Fotos zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank dafür. 🙂

Weitere Informationen zu Marion Grau und ihren Track & Treats

 

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2 Comments

  • Reply
    Roswitha Salomon
    28. Februar 2014 at 15:48

    Hallo Marion, ich finde Deine Idee und die Umsetzung mit dem Trek & Treats ist wunderbar..weil Erkundungspfade abseits der festgetretenen Tourirouten viel mehr zu bieten haben vom „wahren Kanada“ besonders mit Dir als Kanada-erfahrene Frau…Ich bewundere Dich…und mir wird ganz wehmütig um s Herz.
    2009 war ich längere Zeit in Kanada dem Land meiner Jugendträume, nun als ehemalige Single-Frau aus Ostdeutschland, die sich ihren Traum in der Jugend leider nicht erfüllen konnte…und kurz vor der Wende zwar in den Westen gegangen war, da aber den falschen Mann für die Verwirklichung solcher Träume geheiratet hatte
    Ich hatte 2009 eine Beziehung in Edmonton, sollte/wollte auch dableiben, aber private Umstände ließen mich dann doch an meinem Entschlusses zweifeln und ich ging nach Eastgermany zurück…später bereute ich das sehr…
    Ja so ist das Leben, aber in Gedanken bin ich soooo oft in Kanada. Die Sehnsucht ist geblieben…und ich werde wiederkommen und dann sehr gern Deine Dienste in Anspruch nehmen… ;-))
    Eine Bekannte von mir war mutiger als ich, sie hatte im Februar 2009 einen Mann aus Tofino über I-Net kennengelernt, sie unterhielten sich fast täglich über Skype…Im Juni 2009 flog sie rüber und blieb da….und im Oktober 2009 heirateten beide auf seiner Yacht im Pazifik..Der deutschstämmige Mann Namens Herbert Rehfeldt, hatte auf Vancouver Island ein Taxiunternehmen. Nach der Heirat kauften sich beide ein Häuschen an der Sunshine Coast..Meine Bekannte war 56 Jahre alt als sie rüber ging…Glück total…!!!
    Liebe Marion ich würde mich sehr gern mit Dir auf Facebook verbinden…bin auch mit Ole Helmhausen FB-befreundet

    Ganz liebe Grüße von Rose (Roswitha)

    • Reply
      Marion
      3. August 2014 at 19:41

      Hallo Rosa,

      Ich habe gerade erst Deinen Kommentar gesehen. Leider kann ich Dich auf FB nicht finden, aber wenn Du von der Trek & Treats Webseite auf FB kommst, koennen wir uns doch so verknuepfen?

      Alles Gute – ich hoffe, Deine Traeume von Kanada werden doch noch Wirklichkeit.

      Marion

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