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Great Bear Rainforest: Im Wald der Großen Bären

Der artenreiche Great Bear Rainforest an der Küste von British Columbia gehört zu den wenigen verbliebenen Regenwäldern der Erde. Indianer und Umweltgruppen kämpfen um seinen Schutz. Ich hatte das Glück, mit der „Maple Leaf“ einen Segeltörn durch dieses bedrohte Paradies unternehmen zu dürfen.

Great Bear Rainforest: Im Wälder Großen Bären, out-of-canada.olehelmhausen.de

Irgendwann in den späten 1980er Jahren beginnt Grant Hadwin die Kontrolle über sich zu verlieren. Der junge Mann aus Vancouver, der sich in den Regenwäldern von British Columbia vom Holzfäller zum leidenschaftlichen Ankläger der Holzindustrie gewandelt hat, wird sprunghaft, unberechenbar. Nach Scheidung und Weltreise taucht er Anfang 1997 in Haida Gwaii auf, den früheren Queen Charlotte Islands vor der Küste. Am 22. Januar 1997 fällt er dort “Kiidk`yaas”,  die 300 Jahre alte, legendäre goldene Fichte der Haida-Indianer. In einem Fax an Greenpeace, den Haida-Stammesrat und die Medien erklärt er, die Tat aus Protest gegen die Abholzung der Regenwälder von BC begangen zu haben. Die Öffentlichkeit reagiert empört. Hadwin machte sich Feinde in allen Lagern. Er wird verhaftet, aber gegen eine Kaution wieder freigelassen. Sein Prozess in Haida Gwaii soll am 18. Februar stattfinden. Weil er aber weder Fähre noch Flugzeug traut, steigt er am 13. Februar in Prince Rupert ins Kajak, um über die Hecate Strait nach Haida Gwaii zu paddeln. Er kommt nie dort an. Im Juni werden nördlich von Prince Rupert die Trümmer seines Kajaks gefunden. Von Hadwin selbst fehlt jedoch jede Spur. An der Regenwaldküste halten sich seitdem die Gerüchte. Er sei ermordet worden. Oder dass er, ein wildniserfahrener Outdoor-Mensch, sein Verschwinden nur inszeniert habe und heute irgendwo tief in den Wäldern verborgen hause.

Great Bear Rainforest: Geschichten, Legenden, Mythen

Ein un-toter Umweltaktivist, ein heiliger Baum, die Mythologie der Nordwestküsten-Indianer und eine profitgierige Holzindustrie, das alles angesiedelt an einer straßenlosen, oft vor Feuchtigkeit dampfenden und nur von Grizzlybären, Killerwalen und Indianern bewohnten Regenwaldküste, die sich auch für weit weniger empfängliche Gemüter anfühlt wie die Schwelle zu einer anderen, mysteriöseren Welt: Das sind die Zutaten, aus denen in diesem Stück Kanada die Geschichten gestrickt sind. Eine andere steuert an diesem Juni-Nachmittag ihrem Höhepunkt entgegen. Fünf Tage nachdem die „Maple Leaf“ Prince Rupert mit Kurs nach Süden verlassen hat, ist es so weit. Zwei, vielleicht drei Minuten lang zerreißt das Rasseln der schweren Kette die Stille, dann findet der Anker in der Schwärze des Fjords endlich Halt. Alle sind an Deck, die fünfköpfige Crew und die acht Passagiere. Doch niemand spricht. Dieser Ort zwingt zur Andacht. Schneebedeckte Berge haben sich so dicht um den hundert Jahre alten Schoner postiert, als wollten sie ihn mobben. Wer einen Streifen Himmel ohne Bergspitzen sehen möchte, muss den Kopf in den Nacken legen. Ringsum das Schiff tauchen neugierige Seelöwen auf, wie Korken schaukeln sie an der glatten Wasseroberfläche. Hoch über den Köpfen: Im Aufwind kreisende Weißkopfseeadler, nicht ein einziges Mal rühren sie ihre Schwingen.

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Wale, Bären, Adler, Seelöwen: Ein Segeltörn mit der Maple Leaf durch das Labyrinth des Great Bear Rainforest ist ein Fest für Tier- und Naturfreunde.

Als die Unterhaltungen an Bord wieder in Gang kommen, bleibt der Ton gedämpft. Eine Wildnis dieser Größe hat bisher noch niemand gesehen. Dabei war man sich beim allabendlichen Schnack in der Kombüse bisher stets darin einig gewesen, dass nichts, absolut gar nichts das tagsüber Gesehene toppen könne. Jenny und Herb, das joviale Winzer-Ehepaar aus Australien, hatten sich schon am ersten Tag einen Traum erfüllt und den ganzen Nachmittag im Netz des Bugspriet zugebracht. Auf der Höhe von Porcher Island hatte ihnen dort eine Schule pfeilschneller Dall-Delfine Gesellschaft geleistet. Greg und Nancy aus Upstate New York hatten sich nicht von dem schneeweißen Sandstrand auf Campania Island trennen können und redeten auch noch tagelang von dem Seeadler im Bute Inlet, der seine Klauen so tief in die Wildente gebohrt hatten, dass er nicht mehr aufsteigen konnte und seine Beute deshalb im Schmetterlingsstil schwimmend ans Ufer geschafft hatte. Und Rose, Joyce und Pat wiederum, ein munteres Damen-Trio aus British Columbia hoch in den Siebzigern, schwärmten davon, wie ein riesiger Buckelwal unter der “Maple Leaf” hindurchtauchte.

Doch dies  schlägt alles. Der Khutze Inlet, ein 30 km tief in das Küstengebirge reichender Fjord gegenüber von Princess Royal Island, raubt den Atem. Und ist dazu auch noch Grizzlybär-Territorium. Denn in der Sprache der Tsimshian-Indianer heißt “Khutze” Bär (noch mehr Bären, Indianer und Great Bear Rainforest hier: https://www.youtube.com/watch?v=fusL9GpPe-g)

Tierparadies Great Bear Rainforest: Dies ist Kanadas Serengeti!

Kevin Smith lächelt. Sein Konzept geht auch auf dieser Reise wieder auf. „Verzaubern lassen“, hatte der rotbärtige Kapitän der “Maple Leaf” zu Beginn der Reise die Devise ausgegeben. Damit hatte er den Fragen seiner planungsgewohnten Passagiere von vornherein eine klare Absage erteilt. „Wir bleiben flexibel, nur so können wir auf das reagieren, was um uns herum passiert.“ Doch hier im Khutze sind seine weisen Worte ohnehin nur noch Schall und Rauch. Längst hat der Great Bear Rainforest alle verzaubert. Dieser Überfluss. So viele Tiere. So viel überwältigende Natur. Vielleicht sind die Geschichten aus den Geschichtsbüchern ja doch wahr. Vielleicht zogen die ersten Europäer den Kabeljau vor Neufundland ja wirklich in Eimern aus dem Meer. Und vielleicht warteten die ersten Reisenden in der Prärie ja wirklich tagelang, nur um eine einzige Bisonherde vorbeiziehen zu lassen ..  Zeit zum Landgang. Vielleicht, sagt Smith, sind Grizzlybären da drüben im Riedgras. Vielleicht, doch inzwischen verlangt keiner mehr eine Garantie. “Vielleicht” ist nach fünf unvergesslichen Tagen des Kreuzens in diesen tolkienschen Kulissen, die man wohl nie wieder besuchen wird, Versprechen genug. Und längst hat man auch verstanden, dass Mutter Natur sich nicht drängen lässt. Beim Klettern in die Schlauchboote versuchen einige, die Gefühle, die der Khutze in ihnen weckt, in Worte zu fassen. Demut, sagt jemand. Innere Ruhe, ein anderer. Und Fassungslosigkeit. Fassungslosigkeit, weil die Politiker sich nicht dazu durchringen können oder wollen, diese großartige Wildnis ein für alle Mal unter Schutz zu stellen.

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Great Bear Rainforest, Camaano Sound: Dieser Buckelwal wurde so lange von Seehunden belästigt, bis er genervt auf Tauchstation ging (Foto: Cal Toewle).

Vom „Holzvorratsgebiet“ zum „GBR“

Der Great Bear Rainforest beginnt nördlich von Vancouver bei Sonora Island und reicht bis nach Alaska. Mit 64 000 Quadratkilometern größer als die Schweiz, gehört er zu den größten gemäßigten – und letzten verbliebenen – Regenwäldern des Planeten. Hunderte von Tierarten sind an seiner zerfaserten Küste zu Hause, darunter Berglöwen, Wölfe, Lachse und eine der letzten gesunden Grizzlypopulationen Nordamerikas. Große Bestände tausendjähriger Rotzedern und bis zu 90 Meter hoher Sitkafichten sind den Holzfällern entgangen. Straßen gibt es nicht: Die Coast Mountains sind zu steil, die Fjorde zu tief. Die einzige Möglichkeit, dieses grandios verknotete Ineinander von Festland, Inseln und Pazifik aus nächster Nähe zu erleben, ist an Bord eines kleinen Schiffes. Allerdings, mit dem Schutz dieser Küste tut sich die Regierung von British Columbia schwer. Seit mehr als 20 Jahren wird deshalb um die Zukunft des Great Bear Rainforest, der von Umweltschützern und Indianern kurz GBR genannt wird, gestritten. Kevin Smith und die mitreisende Aktivistin Brioney Penn waren von Anfang an mit dabei. „Diese Küste hatte nicht mal einen richtigen Namen“, erinnert sich Penn, „die Holzfäller nannten sie einfach ,Midcoast Timber Supply Area‘“. Übersetzt heißt das so viel wie “Holzvorratsgebiet mittlerer Küstenabschnitt”. Erst Ende der 1980er Jahre erkannten die Kanadier, dass sie einen Regenwald besaßen, der dem des Amazonas nicht nachstand. Und der in einem atemberaubendem Tempo abgeholzt wurde und inzwischen auch noch vom Bau einer Pipeline bedroht wird. Was daraufhin folgte, war ein bis heute andauernder Kampf zwischen der Regenwald-Lobby und einer Jäger- und Forstwirtschaft-Lobby verpflichteten Provinzregierung, die kein wirkliches Interesse am Schutz ihres Regenwaldes hat. Stattdessen verfolgt sie eine Hinhaltetaktik, wonach sie zwar immer wieder Moratorien für bestimmte Zonen erklärt, diese jedoch ohne zu zögern aufhebt, sobald sich in der Hauptstadt Victoria der politische Wind wieder gedreht hat.

Grizzlymama

Great Bear Rainforest. Mussel Inlet: Wir kamen von einem Landgang zurück und wollten zu unserem Schlauchboot, als diese Grizzly-Mama mit ihrem Nachwuchs plötzlich hinter einem Baumstumpf auftauchte. Wir mussten eine gute Stunde warten, bis die drei sich trollten – und genossen jede Minute in ihrer Nähe.

Great Bear Rainforest: Kreativ gegen Holzfäller und Trophäenjäger

Umweltschützer und Indianer müssen deshalb um jeden Fjord, um jede einzelne der rund 80 noch intakten Wasserscheiden kämpfen. Dabei kommt es auch zu spektakulären Aktionen. So kaufte die in British Columbia beheimatete Raincoast Conservation Foundation im Jahr 2005 einer Reihe von im GBR operierenden Jagdveranstaltern die Jagdlizenzen für ein Gebiet von der dreifachen Größe des Yellowstone Park ab, um die Jagd auf den extrem seltenen Kermode- oder Spirit-Bären, einen durch eine Genmutation weißen oder cremefarbenen Schwarzbären, zu beenden. 2010 gelangten auf diese Weise weitere 3500 qkm unter die Kontrolle der Umweltschützer, sodass heute auf fast 30 000 qkm der Regenwaldküste die Jagd auf Bären und Wölfe beendet werden konnte. Die restlichen 33 500 Quadratkilometer des Great Bear Rainforest stehen Trophäenjägern und Holzfällern jedoch weiterhin offen. Umweltschützer mit Jagdlizenzen? “Wir sind halt verdammt schlechte Schützen”, antwortet Smith lächelnd auf die Frage, wie die jährlich anstehende Erneuerung der Lizenzen und die damit geforderte Erfüllung der Quoten gehandhabt wird.

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Great Bear Rainforest, Khutze Inlet: Im Juni kommen die Grizzlies aus den Bergen an den Inlet, um dort auf die Ankunft der Lachse zu warten. Bis dahin ernähren sie sich von Riedgras.

Great Bear Rainforest, Khutze Inlet: Unvergessliche Begegnung

Leise tuckern die beiden Schlauchboote zu der Stelle, wo der Khutze River in den Fjord mündet. Niemand muss zur Ruhe aufgefordert werden. Ist das der erregende Schauer vor der Begegnung mit einem Tier, das uns Menschen seit der Steinzeit nicht kalt lässt? Entweder töteten wir es, oder aber wir verehrten es als spirituellen Verwandten. Nun verengt sich der Fluss. Breite Uferstreifen mit hüfthohem Riedgras begleiten ihn – ein Supermarkt für die Grizzlys, die noch ein paar Wochen auf die Ankunft der Lachse warten müssen. Auch im Khutze Inlet wurden Grizzlybären gejagt. 2001 war das gesamte Revier leer. Seitdem gehört die Bucht zu den Schutzzonen des Regenwalds, hat der Grizzlybestand wieder zugenommen, überwachen die hier wohnenden Indianer die Aktivitäten von Wilderern auf ihren Territorien mit Hilfe automatischer Kameras und leiten sachdienliche Hinweise an die Bundespolizei RCMP weiter. Neben einem umgefallenen Baum tauchen plötzlich zwei braune Ohren auf. Ein mächtiger Schädel folgt, mit zwei kohlschwarzen Augen und einer hellbraunen Schnauze, aus der ein Bündel Gras hängt. „Ein junges Männchen“, flüstert Smith, der seine Gruppe auf eine Kiesbank geführt hat. Herzen klopfen bis zum Hals, ein Lächeln stiehlt sich in die Gesichter. Adrenalin mit einem Schuss Unbehagen, vor allem aber Faszination und fast hypnotische Anziehungskraft: Plötzlich ist es wieder da, das uralte Band zwischen Mensch und Bär. Man braucht keinen Zoom, um den Grizzly in aller Deutlichkeit zu sehen. Er ist so nahe, dass man ihm beim Grasrupfen zuhören kann. So intensiv ist seine Präsenz, dass sie alle Energie aus dem Raum zu saugen scheint. Eine Weile mustert er die Neuankömmlinge, die da regungslos am Ufer im Schlamm stehen, dann fasst er einen Beschluss und frisst weiter: Ihr und ich, wir haben kein Problem miteinander. Solange Ihr bleibt, wo Ihr seid ..

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Great Bear Rainforest, Khutze Inlet: Mit dem Schlauchboot durch eine magische Welt.

 Great Bear Rainforest: Die Zukunft ist ungewiss

Immer wieder rechnen Umweltschützer  der Regierung vor, dass sanfter Tourismus mit kommerzieller Bärenbeobachtung, wie ihn Maple Leaf Adventures oder auch die von Kitasoo-Xai´Xai-Indianern geführte Spirit Bear Lodge praktizieren, auf Dauer lukrativer ist als die Jagd auf Bären. Bislang vergebens. Allein im Jahr 2007 wurden in British Columbia 430 Grizzlybären getötet, davon allein 363 von Trophäenjägern, die für jeden Bären viele Tausend Dollar auf den Tisch legen. An diesem Morgen in der Kombüse hatte jemand Smith deshalb gefragt, ob ihn nicht manchmal der Mut verlasse. Plötzlich hört der Bär drüben im Gras auf zu fressen. Aufmerksam lauscht er in den Wald hinein. Smith braucht nicht lange zu überlegen. „Nein“, sagt er, setzt seine Kamera auf das Stativ und nimmt den Bären ins Visier, „wir haben ja auch handfeste Erfolge. Den Schönsten sehen wie gerade vor uns!“ Der Bär hat sich jetzt ganz dem Waldsaum zugewendet und lauscht angestrengt. Die Menschen auf der Kiesbank ignoriert er nun völlig. Denn im Khutze Inlet hat er nur einen einzigen Feind: andere Bären. Grant Hadwin würde sich freuen ..

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Wetterfest, entschieden leidenschaftlich und einfach tolle Gastgeber: Die Crew der Maple leaf (r. Besitzer/Kapitän Kevin Smith, Maureen Gordon).

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2 Comments

  • Reply
    Jutta
    10. Januar 2014 at 5:57

    Eigentlich sollte ich um diese Uhrzeit – es ist 5:55 am – keine Reiseberichte schmökern, aber ich glaube hier darf jeder eine Ausnahme machen: Bin froh, dass ich die Seite entdeckt habe! Ein fantastischer Bericht. Damit kann ich in den Tag starten : )
    Sonnige Grüße
    Jutta

  • Reply
    Ole Helmhausen
    10. Januar 2014 at 14:20

    Vielen Dank, Jutta! Der GBR liegt mir am Herzen, umso schöner ist es, Kommentare wie Deinen zu bekommen!

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